Am Nabel der Chirurgie

Narbenlose Operationsverfahren gewinnen an Relevanz. Mittlerweile werden sogar Teile des Darms oder der Leber über den Bauchnabel entfernt. Der Patient erholt sich schneller.

Von Nicole Unger

Hall i. Tirol –Der Nabel ist der anatomische Mittelpunkt des Menschen und steht inzwischen auch im Zentrum der allgemeinen Chirurgie. „Narbenlose“ laparaskopische, also mithilfe von Kameras durchgeführte, Operationen durch den Bauchnabel gewinnen immer mehr an Bedeutung. Durch diese so genannte SIL-Technik werden bereits seit einiger Zeit Gallenblasen und Blinddarme mit nur einem Schnitt entfernt oder Leistenbrüche operiert.

Relativ neu ist, dass auch Teile des Dick- bzw. Dünndarms oder Teile der Leber – beispielsweise bei Entzündungen oder bei Krebs – durch den Bauchnabel entnommen werden. „Solche Eingriffe sind nur in bestimmten Fällen, bei geeigneten Patienten und nur an wenigen Spitälern möglich“, sagt Walter Mark, Leiter der Chirurgie am Landeskrankenhaus Hall. Mark hat mit seinem Team in Hall bereits die ersten Leber- und Darmteilentfernungen durchgeführt. So konnten die Ärzte z. B. bei Patienten entzündete Darmstücke von 30 bis 50 cm oder kaffeetassengroße Teile der Leber durch die kleine Nabelöffnung herausholen.

Die narbenfreie OP-Methode ist eine Weiterentwicklung der minimal-invasiven Schlüssellochchirurgie. Im Gegensatz zur bisher gängigen Operationstechnik, bei der in der Regel drei bis vier etwa fünf bis zwölf Millimeter kleine Schnitte an der Bauchdecke nötig waren, erfolgt der Eingriff nur über einen einzigen Zugang – den Nabel. Das heißt, alle Instrumente (stangenförmige Endoskope) inklusive Minikamera gelangen über einen Port in das Innere des Bauchraums. Teile der Leber oder des Darms werden im Körper in einem Bergebeutel aus Kunststoff „eingesackelt“, darin wenn nötig zerkleinert und über besagten Beutel herausgezogen. Und obwohl die Nabelöffnung ziemlich dehnbar ist, ist „das Handling aufgrund der beengten Lage für die Operateure sehr schwierig, erfordert Know-how und gute Teamarbeit“, weiß Mark.

Der große Vorteil: Der Patient erholt sich schneller. „Je kleiner der Schnitt und je gewebeschonender operiert wird, desto geringer sind die Schmerzen und desto schneller ist der Patient wieder einsatzfähig. Operierte sind nach drei bis fünf Tagen wieder mobil“, betont Mark. Natürlich spiele auch der kosmetische Aspekt eine Rolle, vor allem, wenn es sich um junge Patienten handelt. Waren Patienten bei einer Gallenoperation vor Jahren mit zehn bis 15 cm und bei einer Dickdarm-OP mit 20 bis 25 cm langen Schnitten gezeichnet, so verschwindet die Narbe heutzutage im Laufe der Zeit im besten Fall in der Nabelhöhle.

TT-ePaper gratis lesen und iPhone 11 Pro gewinnen

Die Zeitung ab sofort bis auf Weiteres kostenlos digital abrufen

Jetzt mitmachen
TT ePaperTT ePaper

Dass Operationsverfahren immer schonender werden und mit immer weniger Schnitten verbunden sind, hängt mit dem hohen Standard der Schlüssellochchirurgie zusammen. Die Operationen am offenen Bauchraum gibt es natürlich immer noch und sollten laut Mark unbedingt von Ärzten beherrscht werden. Mittlerweile werden aber 50 bis 70 Prozent der Eingriffe in der allgemeinen Chirurgie laparoskopisch durchgeführt (siehe Faktbox).

„Die Laparoskopie ist zur klinischen Routine geworden. Das hängt zum einen mit den immer raffinierteren Instrumenten zusammen und zum anderen mit der immer besser werdenden Kameratechnik“, erzählt der Arzt. Inzwischen gibt es sogar 3D-Systeme mit entsprechender Brille, wie man sie aus dem Kino kennt, sowie ferngesteuerte Kameraarme, die bereits am LKH Hall getestet wurden. „Man spricht bereits davon, künftig ganz ohne Schnitte von natürlichen Öffnungen aus, also vaginal, via Enddarm oder durch den Mund, zu operieren“, blickt Mark in die Zukunft.


Kommentieren


Schlagworte