In Turn-Debatte kommt Bewegung

70.000 Österreicher haben bereits die Initiative für eine tägliche Turnstunde an Schulen unterschrieben. Auch in Tirol orten Experten angesichts der zunehmenden Fettleibigkeit großen Handlungsbedarf.

Von Katharina Zierl

Innsbruck –Weniger Sport, mehr Gewicht. Immer mehr Kinder und Jugendliche haben auch in Tirol einige Kilos zu viel. „Wenn man früher ins Klassenzimmer schaute, waren vielleicht drei Kinder zu dick. Heute findet man teilweise nur drei, die wirklich schlank sind“, sagt der Innsbrucker Sportmediziner Kurt Moosburger. Dass der Handlungsbedarf aufgrund dieser Entwicklung groß ist, steht nicht nur für Moosburger außer Frage. Die Österreichische Bundes-Sportorganisation fordert eine tägliche Turnstunde an Schulen. 70.000 Österreicher haben die Initiative bislang unterschrieben.

„Natürlich wäre das eine gute Sache. Die Schule allein kann‘s aber nicht richten. Auch die Eltern haben eine wichtige Funktion, um dem Nachwuchs die Freude an der Bewegung vorzuleben und zu vermitteln. Etwa mit Wanderungen am Wochenende“, erklärt Moosburger. Dass sich Kinder mehr bewegen müssten, liege laut dem Sportmediziner auf der Hand: „Das Kernproblem ist nicht – wie immer wieder betont – die falsche Ernährung, sondern der Mangel an Bewegung.“

Wolfgang Öbelsberger, Fachinspektor für Bewegung und Sport beim Tiroler Landes­schulrat, hält eine tägliche Turnstunde generell für sinnvoll: „Es stellt sich aber die Frage, ob das wirklich umsetzbar ist.“ Aufgrund der Schulautonomie würden die meisten Einrichtungen sich beim Turnunterricht „am unteren Limit orientieren“, sagt Öbelsberger. In den vergangenen Jahren seien immer mehr Turnstunden gestrichen worden. „Es gibt so viele Forderungen. Berufsorientierung, digitale Kompetenz, soziales Lernen – all das soll die Schule leisten. Und Stundenstreichungen geht meist auf Kosten des Sportunterrichts“, betont der Fachinspektor.

Dabei könne das soziale Miteinander gerade im Sportunterrichts bestens gefördert werden: „Die Kinder lernen spielerisch, wie sie miteinander umgehen müssen. Der Sportunterricht kann so vieles leisten. Auch die Lern­fähigkeit wird verbessert.“

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Tirols Bildungslandesrätin Beate Palfrader betont ebenfalls, dass „Kinder täglich viel zu wenig Bewegung haben“. Dieses Defizit würde sich vielfältig auswirken: „Da geht es nicht nur um Übergewicht. Auch was soziales Verhalten und Konzentration betrifft, treten vermehrt Probleme auf.“ Die tägliche Turnstunde­ sei „fast nicht möglich“, sagt die Landesrätin, weil es einen fixen Lehrplan gebe: „Man kann nicht einfach andere Stunden kürzen, weil man mehr Sportunterricht anbieten­ will. Und den Unterricht zu verlängern, das ginge zulasten der Kinder.“

Wichtig sei, die Bewegung im Unterricht insgesamt zu forcieren. Im Rahmen des Projekts „Bewegte Pause­, gesunde Jause“ haben man genau­ das versucht. „78 Tiroler­ Volksschulen beteiligen sich im Schuljahr 2012/13 daran“, sagt Palfrader. „Bei diesem Schulversuch sind einzelne Stunden jeweils um fünf Minuten kürzer. Dafür dauert die große Pause dann eine halbe Stunde. Während dieser Zeit spielen die Kinder­, bewegen sich, gehen ins Freie“, erklärt Öbelsberger. Nicht bei allen Schulen habe­ das Projekt allerdings den gewünschten Effekt erzielt, sagt der Fachinspektor: „Viele Schulen, die sich an der Initiative beteiligen, haben dafür eine Turnstunde gestrichen. Das ist absolut nicht Sinn der Sache.“ Insgesamt habe man mit der kontinuierlichen Streichung von Turnstunden „den falschen Weg eingeschlagen. Der führt direkt in eine Sackgasse. Ein Umdenken ist dringend nötig“, sagt Öbelsberger.


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