Forschung im Labyrinth der Totenstadt

Der Besuch in einer antiken Totenstadt Roms erzählt einiges über die Menschen von damals.

Von Gabriele Starck aus Rom

Rom –Nur ein weißes Plastikkabel, das durch die schulterbreiten Gänge führt, zeugt noch von der Gegenwart – doch plötzlich verschwindet auch das aus dem Schein der Taschenlampe. „Jetzt heißt es ganz nah beisammen bleiben“, mahnt Nobert Zimmermann, Start-Preisträger und Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Der Archäologe kennt sich aus in dem Labyrinth der antiken­ unterirdischen Grabanlage. Mit 17 Kilometern Ausdehnung ist die Domitilla-Katakombe die größte Totenstadt – Nekro­pole genannt – Roms. An die 150.000 Gräber sind hier über 500 Jahre hinweg in den vulkanischen Tuff geschlagen worden.

Zimmermann führt Wissen­schaftsminister Karlheinz Töchterle und seine Delegation in die Tiefen der Katakombe, die öffentlich nicht zugänglich sind. Ein wenig Unbehagen ist manch einem anzumerken. Verirren möchte sich hier niemand, ein Gang gleicht dem anderen und alle paar Meter zweigen links und rechts wieder neue ab. An den Wänden folgt eine Aushöhlung der anderen, häufig vier übereinander. Nur unterschiedlich lang sind sie, der jeweiligen Größe des Leichnams angepasst.

Leuchtet man mit den Taschenlampen, die Zimmermann zuvor verteilt hat, in einen dieser unzähligen Gänge, leuchten Punkte auf, als wären da Tiere, deren Augen das Licht reflektieren. Das macht die Szenerie nicht weniger gespenstisch. Dabei sind es nur kleine metallene Scheiben, die Forscher für die Vermessung der Katakombe angebracht haben. Bis 2005 gab es noch keine genauen Pläne des viergeschoßigen Labyrinths. Anhand von Laserscans, für die eben jene Punkte gebraucht werden, wird seither ein dreidimensionales Computermodell erstellt, das die Ausmaße und das Aussehen des unterirdischen Friedhofs sichtbar macht. Für dieses Projekt erhielt Zimmermann 2005 den hochdotierten Start-Preis des Wissenschaftsministeriums. In das Modell können er und Kollegen die Informationen und Erkenntnisse ihrer Forschungen einfügen und ermöglichen so eine virtuelle­ Reise durch die dunkle Welt abseits der Touristenpfade (www.oeaw.at/movie/2009/domitilla).

Die Gräber in diesem Bereich wurden im 17. Jahrhundert geöffnet und die Gebeine im Glauben, es handle sich um die Überreste von Märtyrern, in den Kirchen Italiens als Reliquien verteilt. Doch tatsächlich waren es in der Mehrheit Armengräber, nur manchmal unterbrochen von bemalten Grabräumen reicher Familien.

Zimmermann führt immer tiefer in die Nekropole­. Obwohl die Luft überraschend gut ist, ist doch der Eindruck von Moder nicht zu verdrängen – vor allem, wenn man beim Versuch, eine steile Stiege mit ungleichmäßigen Stufen zu erklimmen, plötzlich gewahr wird, dass die Hand soeben in einer Grabhöhle Halt fand.

Der Schreck ist schnell vergessen, sobald man in einem der Grabräume steht und mit der Lampe die Malereien betrachtet. Der Archäologe erklärt, was die Figuren und Szenen – für den Laien kaum erklärbar – im Einzelnen bedeuten. Und anhand einiger Zeichen und Bräuche­, die mancherorts auftauchen, wird klar, dass hier schon vor der Christianisierung bestattet wurde und wo die heidnischen Bestattungsrituale langsam von den christlichen verdrängt wurden.

Die Zeit drängt. Ein Vordringen in Bereiche, wo es noch verschlossene Gräber gibt oder solche, die zwar geöffnet wurden, die Gebeine der Toten aber liegen geblieben sind, geht sich nicht mehr aus. Zimmer­mann muss die Gruppe wieder in die Gegenwart führen. Dabei verwirrt er alle, die versucht haben, sich den Weg einzuprägen, indem er einen anderen nimmt. Als er kurz stehen bleibt und unentschlossen rechts und links schaut, überzieht wieder ein leichtes Schaudern den Rücken. „Keine Sorge“, meint er, „ich überlege nur, wo es am schnellsten hinausgeht.“ Und kurze Zeit später schimmert wirklich ein Lichtschein am Ende eines Ganges und ein Eisen­gitter zeigt den Übergang zur Welt der Lebenden.


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