Gratwanderung für die Lawinenkommissionen

Die Mitglieder der örtlichen Kommissionen sind jeden Winter hohem Druck ausgesetzt. So wird es immer schwerer, Freiwillige zu finden.

Von Marco Witting

Innsbruck –Es ist ein Spannungsfeld, in dem sich die Mitglieder der Lawinenkommissionen jeden Winter bewegen. Ein Spagat zwischen wirtschaftlichen Nöten und Sorgen um die Sicherheit; zwischen Vorfreude auf Schnee und Respekt vor den Naturgewalten; irgendwo zwischen Freiwilligkeit und großer Verantwortung. Auch im heurigen Winter starten Hunderte Mitglieder zu dieser Gratwanderung. Unbezahlt. Unbeliebt. (Fast) unbedankt.

Deshalb, und da sind sich Bürgermeister, Seilbahner und Vertreter des Landes einig, wird es immer schwerer, Mitglieder für diese schwere Aufgabe zu finden. Auch weil diese Menschen stets mit einem Bein im Gefängnis stehen? „Auf den Punkt gebracht könnte man das so sagen“, erklärt Ernst Schöpf, Tiroler Gemeindeverbandspräsident. Seit 1986 ist er als Bürgermeister in Sölden auch in der dortigen Lawinenkommission. „Wie man es macht, macht man es falsch“, resümiert er nach all den Jahren. „Die Kommission macht immer zu früh zu und zu spät auf. Damit müssen wir wohl leben. In dieser Funktion erntet man statt Dank nur Kritik.“ Ein gutes Team, ein dickes Fell – das seien die Zutaten für Erfolg, für Sicherheit. Alternativen zu diesem Modell? „Mir fällt nichts Gescheiteres ein. Eine 100-prozentige Sicherheit wird es nicht geben. Kann es nicht geben. Außer, wir sperren das Ötztal komplett zu. Für Monate.“

Im vergangenen, sehr starken Lawinenjahr gab es eine heftige Diskussion über den Druck auf Kommissionen, der von Seilbahnen, Hotellerie, den Menschen im Ort aufgebaut wird. Einige Monate danach ist man allgemein um Ruhe bemüht. NR Franz Hörl, Obmann des Fachverbands der Seilbahnen, sieht die Kommissionen „selbstbewusst“. Nur in Einzelfällen werde noch Druck ausgeübt. Seit dem Lawinenunglück von Galtür habe sich die Akzeptanz stark verbessert. „Die moralische Latte wurde sehr hoch gelegt und die Mitglieder haben in den Orten eine große Autorität.“ Auch die Betriebsleiter der Seilbahnen seien „heilfroh“, wenn ihnen die Kommissionen Sicherheit geben. Es sei durchaus richtig, dass es schwer sei, noch Freiwillige für diese Aufgaben zu finden. „Aber nicht wegen des Drucks, sondern weil der zeitliche Aufwand und das geforderte Know-how enorm groß sind.“ Hörl tritt dafür auch deshalb dafür ein, dass der Aufwand finanziell abgegolten wird.

Wenn denn etwas passiert, werden auch die Kommissionen zur Verantwortung gezogen. Aktuell gibt es nach Auskunft des Landes fünf Fälle, in denen gegen Mitglieder einer Lawinenkommission ermittelt wird. Ein Gerichtsverfahren stehe vorerst aber nicht an. „Einige Verfahren sind auch zurückgelegt worden“, sagt LHStv. Anton Steixner, der sehr wohl ein schwieriges Spannungsfeld für die Beteiligten sieht. Von versuchter Einflussnahme, von der im Winter 2011/2012 öfter die Rede war, wollte er aber nicht sprechen. Dies seien „totale Ausnahmen“.

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Die Zusammenarbeit zwischen allen Eckpfeilern des Systems klappe hervorragend. „Alle anderen beneiden uns darum“, sagte Steixner.

Könnten diese Aufgabe auch übergeordnete und hauptberufliche Mitarbeiter übernehmen? Steixner sagt Nein. So etwas sei „absoluter Unsinn. Die Menschen, die vor Ort leben, wissen am besten, worauf zu achten ist und was zu tun ist.“ Die Ausbildung in Tirol sei hervorragend und das Land tue alles, um die Mitglieder zu schulen.

Für das zuständige Regierungsmitglied ist die Gefahr eines Strafprozesses ein „heikles“ Thema. „Das Land kann hier allerdings nur schulen und die Mitglieder dementsprechend unterstützen.“ Wenn alles richtig dokumentiert und aufgezeichnet ist, mit bestem Wissen und Gewissen entschieden wurde, dann könne den Kommissionen auch „nicht viel passieren“. Eine 100-prozentige Sicherheit gebe es in den Alpen aber nie.


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