„Herbert, du bist leiwand“: Grönemeyer auf Jubiläumstour

Selten gespielte Songs aus der 30-jährigen Karriere von Herbert Grönemeyer begeisterten das Publikum im Wiener Konzerthaus.

Von Angelika Prawda

Wien - 30 Jahre sind seit dem Start seiner beispiellosen Karriere vergangen; vor gerade mal zwei zahlenden Gästen hatte Herbert Grönemeyer damals sein erstes Konzert gespielt. Binnen einer halben Stunde war nun der erste Wien-Termin seiner Jubiläumstour „Blick zurück - 30 Jahre: Halbzeit“ im Konzerthaus ausverkauft; prompt wurde ein Zusatzkonzert (3.11.) angesetzt. Wer Tickets ergattern konnte, wurde Freitagabend Zeuge eines „unvergesslichen“ Abends, wie ein sichtlich gerührter Grönemeyer festhielt: Ganz ohne Gassenhauer, dafür mit Liedern, „die wir sonst nicht mehr spielen“, hatte der 56-Jährige das Wiener Publikum am Freitagabend zweieinhalb Stunden lang in seiner Hand. Aufgrund der hohen Lautstärke musste ein parallel stattfindendes Konzert im Mozart-Saal sogar abgebrochen werden.

Dabei war man „Herbie“ bei seinem ersten Wien-Auftritt vor 28 Jahren im Metropol noch mit müden Gesichtern und wenig Begeisterung begegnet, wie der deutsche Schmähführer zwischen Songs erzählte. Nur ein Besucher habe ihm danach attestiert: „Herbert, du bist leiwand!“ - und ihm damit „die höchste Adelsbezeichnung gegeben, die man in Österreich bekommen kann“, wie er später aufgeklärt wurde. „Hätte ich das damals missverstanden, wäre unsere Beziehung nicht so eng, wie sie nun mal ist.“ Sein Sonderstatus beim österreichischen Publikum war am Freitag förmlich greifbar: Von Anfang bis Ende schienen die Fans in Ekstase, sangen textsicher mit, brachten das Konzerthaus tanzend und hüpfend zum Beben und belohnten ihren Herbert nach jedem einzelnen Lied mit nicht enden wollendem Applaus.

„Sind wir schon in der Nähe der Leiwand-Grenze?“

Und das kann ob des Verzichts auf übliche Gassenhauer wie „Alkohol“, „Männer“ oder „Mensch“ durchaus als Leistung bezeichnet werden. Stattdessen kamen selten gehörte Songs zum Einsatz, die eingefleischte Fans zuvor im Internet bestimmen konnten. Die 25 besten Songs schafften es ins Repertoire, das Grönemeyer kurz nach Ende seiner erfolgreichen „Schiffsverkehr“-Tour nun durch vergleichsweise kleine Hallen und Clubs führt. Ganz ohne Aufsehens oder Effekte, dafür mit nostalgischen Stehlampen auf einer dezenten Bühne und einer Band, die ihn bereits seit 30 Jahren begleitet, schwelgte Grönemeyer mit Fans in Erinnerungen und gab mit verschmitztem Grinsen und charmantem Hüftschwung alte Juwelen von „Jetzt oder nie“ („Bochum“-Album, 1984) bis „Tanzen“ („Sprünge“, 1986), „Marie“ („Luxus“, 1990), „Fisch im Netz“ („Chaos“, 1993) oder „Selbstmitleid“ („Bleibt alles anders“, 1998) zum Besten.

„Sind wir schon in der Nähe der Leiwand-Grenze?“, fragte ein sichtlich gut gelaunter und energiegeladener Grönemeyer zu einem Zeitpunkt, als diese Grenze schon längst überschritten war. Mit „Diamant“ folgte eines seiner Lieblingslieder („weil es so schön doof ist“), mit „Komet“ ein Song „aus der wohl glücklichsten Zeit meines Lebens“, als er in den 80er Jahren Vater wurde, mit „Letzte Version sein „traurigstes Lied überhaupt“ und mit „Ich hab dich lieb“ ein Favorit des österreichischen Publikums. Frühwerke des Songwriters, der „eigentlich gar nicht so gern Songtexte schreibt“, wie „Total egal“ ließen seine Band familiär im Halbkreis versammeln, „Luxus“ wurde vom Saxofonisten Frank Kirchner mit einem Jazz-Solo veredelt. Neben alten Songs packte Grönemeyer auch jede Menge Anekdoten aus: Das anrüchige „Moccaaugen“ habe einst seine Mutter vor den Kopf gestoßen, „Kinder an die Macht“ hingegen so manche Kinderpsychologin - weil man es „mit Ironie in Deutschland nicht leicht hat“.

Gerührter Grönemeyer vor tobender Menge

Zweieinhalb Stunden und zwei Zugabenblöcke später schüttelte Grönemeyer ob der noch immer tobenden Menge ungläubig den Kopf und zeigte sich sichtlich gerührt, „dass man nach so langer Zeit noch so viel Zuneigung vom Publikum erfahren darf“. Jeder solle es mal erlebt haben, dieses „tolle Gefühl“, vor einer jubelnden Menge auf der Bühne zu stehen. Einem Musiker, der sich nach so langer Zeit noch mit derart viel Freude und Energie für seine Fans verausgabt, ist dieses Gefühl noch weitere 30 Jahre zu wünschen. Immerhin ist gerade mal Halbzeit. Leiwand!

Weniger erfreuliche Folgen hatten die Grönemeyer-Begeisterungsstürme für das zeitgleich im Konzerthaus stattfindende „Wien Modern“-Konzert des Arditti Quartets: Wegen der starken Schallübertragung aus dem Großen Saal musste man im Mozart-Saal in der Pause abbrechen. „Die Disponierung dieses Abends hat sich als schwerer, bedauerlicher und vermeidbarer Fehler erwiesen, für den wir uns bei den Künstlern und vor allem bei unserem Publikum entschuldigen müssen“, hieß es am Samstag in einer Aussendung des Konzerthauses. Zwar habe man mit Grönemeyers Management gut kooperiert, die Störung konnte dennoch nicht verhindert werden. Für Fremdveranstaltungen werde man künftig strengere Maßstäbe anwenden, so Konzerthauschef Bernhard Kerres. (Angelika Prawda ist Korrespondentin der Austria Presse Agentur.)


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