Euro-Aus würde Österreichs Wirtschaft 10 Prozent kosten

Was passiert, wenn die Euro-Zone zerfällt? Das Institut für Höhere Studien hat verschiedene Szenarien durchgerechnet. Ein Austritt der Griechen hätte nach der Studie nur relativ geringe Folgen für Österreich.

Wien – Das Institut für Höhere Studien (IHS) hat Krisenszenarien für den Zerfall der Eurozone durchgerechnet und kommt dabei zum Schluss, dass es für Österreich am günstigsten wäre, wenn die Problemländer reformieren würden, keine Schulden abgeschrieben werden müssten und die Einheit des Währungsraums erhalten bliebe. Bei einem kompletten Zerfall des Euroraums könnte die heimische Volkswirtschaft im Jahr 2016 um knapp elf Prozent weniger produzieren, als dies im Positivszenario das Fall wäre.

Dies geht aus einer am Sonntag veröffentlichten Studie des Instituts hervor, das von der Wirtschaftskammer (WKO) in Auftrag gegeben wurde.

Radikale reformen und Euro-Fortbestand am positivsten

Ein alleiniger Austritt Griechenlands hätte für die österreichische Volkswirtschaft „relativ geringe“ Folgen (13.100 mehr Arbeitslose im ersten Jahr). Deutlich schwerwiegender wäre die Situation bei Herausbildung eines Nord-Euro (Austritt Griechenlands, Spaniens, Italiens, Portugal, Irlands und Zyperns). In diesem Fall würde das BIP Österreichs 2016 um 7,5 Prozent niedriger sein. Die Zahl der Arbeitslosen würde um 80.000 steigen, so das IHS.

Im schlimmsten Fall (Zerfall des Euro) würde das Minus im Vergleich zum Alles-wird-gut-Szenario 10,75 Prozent betragen. Die Zahl der Arbeitslosen würde um 157.000 Personen höher sein, die Arbeitslosenquote würde sich beinahe verdoppeln. In beiden Fällen würde das staatliche Defizit u.a. wegen nötiger Bankenrettungen stärker steigen, die Exportwirtschaft unter einer härteren Währung leiden.

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„Die Simulationen zeigen klar, dass unter den oben genannten Szenarien das Basisszenario (Fortbestand des Euro und radikale Reformen) am positivsten ist“, resümiert das Autorenteam unter Führung von IHS-Chef Christian Keuschnigg die wichtigste wirtschaftspolitische Schlussfolgerung der Studie.

Beginn der Krise in Szenarien 2013 angenommen

Verzichtet hat das IHS freilich auf ein Vergleichsszenario für ganz Europa nach dem Muster der griechischen Entwicklungen in den vergangenen vier Jahren (Keine/ungenügende Reformen zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit, galoppierende Neuverschuldung trotz Hilfszahlungen und Schuldenschnitt). Man habe die Kosten für ein Weiterwursteln nicht durchgerechnet, weil dann ein Euro-Zerfall dann sowieso nicht vermeidbar sei, erklärte Keuschnigg auf APA-Anfrage.

Die Simulationen nimmt den Beginn der Krise mit 2013 an und vergleicht die daraus hochgerechnete Situation 2016 mit der mittelfristigen IHS-Prognose. Diese beruht auf der Annahme, dass die europäische Schuldenkrise mit niedrigeren Zinsen und politischen Reformen bewältigt werden kann.

Die errechneten BIP- und Exportrückgänge beziehen sich daher auf ein höheres Ausgangsniveau (Prognose für 2016). Die errechneten Rückschläge beim BIP würden in etwa zu einer Wirtschaftsleistung von 2012 (Nord-Euro) bzw. 2010 (Auseinanderbrechen) führen.

Wifo-Schätzungen noch drastischer

Die Szenarien des IHS führen in den beiden ungünstigen Fällen zu einem ähnlich hohen Anstieg der Arbeitslosen, wie ihn das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) im Sommer errechnet hat. Die unmittelbaren Folgen für das BIP schätzt das IHS jedoch als deutlich weniger drastisch ein: Während das Wifo gleich im ersten Jahr einen Rückgang des österreichischen BIP um elf Prozent sieht, geht das IHS von einem nur halb so starken Einbruch aus.

Zum Vergleich: Das griechische BIP wird heuer erneut um etwa 6,5 Prozent schrumpfen (nach 6,9 Prozent 2011. Einen vergleichbar großen Dämpfer musste Island 2009 nach dem Zerplatzen der dortigen Kreditblase hinnehmen (-6,8 Prozent).

Leitl für weitere „Bluttransfusionen“ an Griechenland

Der österreichische Wirtschaftskammerchef Christoph Leitl hat am Sonntag vor einem Zerfall der Eurozone gewarnt und sich dafür ausgesprochen, dem maroden Griechenland „weitere Bluttransfusionen“ zu gewähren. Er sei zwar dagegen, dem griechischen Staat formell seine Schulden zu erlassen. Man solle aber die Rückzahlung auf viele Jahrzehnte erstrecken: „Ob das 80, 50 oder 30 Jahre sind, darüber kann man diskutieren.“

Der Wirtschaftskammerpräsident verglich die Situation mit der eines überschuldeten Betriebs (der über eine positive Fortführungsprognose verfügt). Diesem Unternehmen müssten die Banken ja auch Fristen erstrecken und neue Kredite geben, damit es weitergehen könne, argumentierte er.

Keine Veränderung der europäischen verträge

Aufhorchen ließ Leitl mit einer unmissverständlichen Absage an eine Diskussion über die Veränderung der europäischen Verträge, wie sie etwa von Vizekanzler Michael Spindelegger (V) forciert wird: „Eine Vertragsdiskussion bringt uns nicht weiter, warum in einen Krieg ziehen, den wir nicht gewinnen können?“

Stattdessen sollen integrationswilligere Staaten dadurch belohnt werden, dass man ihnen etwa Kredit durch die Eurorettungsschirme einräume, sie bei der Vergabe von Strukturhilfen besonders gut behandle oder Mittel von der Europäischen Investitionsbank (EIB) an sie vergebe. Integrationsunwillige Staaten sollten kein Geld aus dem Kohäsionsfonds bekommen, meinte Leitl, denn „wer kein Geld kriegt, der versteht es vielleicht am besten“.

Europa leide daran, dass seine Führer im Regelfall „Mittelmaß“ seien, meinte Leitl. Die Euro-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit (Grüne) und Guy Verhofstadt, die soeben ein Papmphlet für den Bundestsaat Europa geschrieben haben, hätten dagegen ein anderes Format, „da ist eine Begeisterung dahinter, warum lässt man die nicht rauf?“. (APA)


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