Tränen in Doha: „Während wir sprechen, steigt die Zahl der Toten“
In den letzten Stunden des Klimagipfels in Doha wechselten sich flammende Aufforderungen zum Handeln mit erstickenden, zähen und beinahe ergebnislosen Verhandlungen ab. Die Hoffnungen auf einen durschlagenden Erfolg sinken zusehends. Die Rettung der Erde und der Menschheit wird wohl erneut auf die lange Bank geschoben.
Doha – Es war ein bewegender Moment. Naderev Sano war in einem delikaten Moment zum Klimagipfel nach Doha angereist. Im Südosten seines Landes, weit draußen auf dem warmen Pazifik braute sich ein Taifun zusammen, einer dieser Wirbelstürme, die den Inselstaat Philippinen immer wieder heimsucht, in den letzten Jahren nicht unbedingt öfter, dafür aber heftiger.
„Bopah“ nahm Kurs auf die südliche Hauptinsel Mindanao, bahnte sich seinen Weg quer durch den Archipel und hinterließ dabei eine Spur der Verwüstung.
Am Donnerstag ergriff Sano dann vor Delegierten aus 197 Staaten das Wort, in Doha, am Weltklimagipfel, kurz vor Ende der Verhandlungen um den weiteren Kurs der Weltgemeinschaft im Kampf gegen den Klimawandel.
„Während wir sprechen, steigt die Zahl der Toten. Es gibt viel Zerstörung. Telefon- und Stromleitungen sind ausgefallen, Hunderte Menschen werden vermisst, Hunderte liegen verschüttet unter Schlamm und Geröll“, stellte Naderev Sano fest, mit zitternder, tränenerstickter Stimme. „Wir weigern uns, das zu unserer neuen Lebensweise zu machen“, fuhr er bewegt fort. Doch der Stand der Gespräche lasse ihn tief besorgt zurück.
„Auf lange Sicht werden wir alle Opfer sein“
„Wir versuchen, einen Unterschied bei den Verhandlungen zu machen. Aber es ist eine ernüchternde Situation für uns. Das Kyoto-Protokoll läuft in 25 Tagen aus. Wir haben nur wenige Stunden, um sicher zu gehen, dass wir auf dem richtigen Kurs sind, um die Klimakrise anzupacken.“
Ähnlich ernüchtert gab sich Sanos Landsfrau, Mary Ann Limpot Sering, eine anerkannte Klimaexpertin der Philippinen.
„Irgendwie haben wir die Hoffnung, dass unsere Not hier in Doha zu Taten führt“, verlieh sie dem absurd anmutenden Wunsch Ausdruck, dass Leid zu Besserung führen könne. „Die Folgen des Temperaturanstiegs bringen meinem Volk einen langsamen Tod. Für mein Heimatland ist der Klimaschutz eine Überlebensfrage geworden“, stellte sie im Wortlaut des Faktischen fest, um dann verbittert hinzuzufügen: „Wir bedanken uns für eure Anteilnahme, aber euer Mitleid brauchen wir nicht. Selbst wenn die Philippinen ein frühes Opfer des Klimawandels sind, auf lange Sicht werden wir alle Opfer sein.“
Not, Leid, Elend und keine Taten, dem Einhalt zu gebieten
Rund 500 Menschen fielen dem Supertaifun „Bopha“ zum Opfer. Der Katastrophenschutz befürchtet aber einen weit höheren Verlust von Menschenleben. „Wir wollen herausfinden, warum diese Tragödie passiert ist und verhindern, dass es wieder passiert“, sagte der philippinische Präsident Benigno Aquino bei einem Besuch in New Bataan, einer Stadt die besonders stark betroffen war.
Solche Tragödien können aber kaum verhindert werden. Die Häufigkeit allerdings, mit der Wetterextreme wie „Bopha“ oder auch „Sandy“ die Menschen heimsuchen könnte beschränkt werden. Wenn sich die Staaten nur endlich auf wirksame Maßnahmen verständigen würden, den Temperaturanstieg auf der Erde tatsächlich auf unter 2 Grad Celsius zu beschränken.
Nach einer Einigung in Doha sieht es allerdings auch nach einem Sitzungsmarathon, der die ganze Nacht dauerte, nicht aus. „Angesichts der zahlreichen Blockaden wäre auch ein Scheitern der Konferenz möglich,“ schätzte Johannes Wahlmüller, Klimasprecher von Global 2000, die Lage am Freitag ein. „Wir erwarten uns in der zentralen Frage der Reduktionsziele keine Fortschritte, hoffen aber, dass dieses Thema in Zukunft stärker in den Fokus genommen wird.“
Am Ende nur noch die Hoffnung? Etwas optimistischer wirkte am Freitag, kurz vor dem geplanten Ende der Klimakonferenz in Doha, Österreichs Umweltminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP). „Es sieht - ohne Euphorie - besser aus als Anfang der Woche“, erklärte er.
„Hot Air“ und andere Probleme
Konkret sieht es nach einer Kompromisslösung für das Problemfeld „Hot Air“ aus. „Seit gestern liegt eine EU-Verhandlungsposition vor“, sagte der Minister. Für die überschüssigen Emissionsgutschriften osteuropäischer Staaten, insbesondere Polen, sollen „volle Übertragungsmöglichkeiten gelten“, diese aber auf ein Sonderkonto beschränkt werden: „Sie dürfen im Inland zum Schließen etwaiger Lücken verwendet, aber nicht innerhalb der EU gehandelt werden.“
Diese Lösung ist zumindest ein Teilerfolg für die EU. Bei den Verhandlungsergebnissen fehlt aber noch ein Arbeitsplan für den neuen Weltklimaschutzvertrag, der im Vorjahr in Durban beschlossen worden ist. Hier hat die EU einen Fahrplan zu einem Weltklimavertrag durchgesetzt, der auch Klimasünder wie die USA, China und Indien in die Pflicht nimmt. Berlakovich berichtete vom erwartet „großen Widerstand von China und Indien“, die USA würden hingegen sich eher ruhig verhalten.
Klimafinanzierung „gesichert“
„Die drohende Klimakatastrophe ist allen bewusst“, nicht zuletzt den am meisten betroffenen Entwicklungsländern. Berlakovichs Botschaft als Vertreter Österreichs: „Wir sind bereit, den Klimaschutz weiter zu finanzieren.“ Auch die EU erweise sich hier - trotz der Wirtschaftskrise - als verlässlicher Partner. Andere Staaten würden als „starke Partner der EU“ ebenfalls ihren Beitrag zur gesicherten Klimafinanzierung beitragen.
Ob der Klimagipfel in Doha scheitern wird, hängt nun von den finalen Sitzungen ab. Um nicht mit leeren Händen heim zu reisen gehen diese in die Verlängerung und dauern womöglich bis Samstagvormittag. Denn für die politischen Führer wird die Tatenlosigkeit immer mehr zur Belastungsprobe in ihren jeweiligen Herkunftsländern. Ein Versagen in dieser wichtigen Frage können sie sich - aber kann sich vor allem die Menschheit und der Planet Erde kaum mehr leisten. (tt.com, APA)
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