Die menschliche Seele erreichen

Thomas Hampson und die Wiener Virtuosen geben am Freitag ein Benefizkonzert im Innsbrucker Congress. Der Sänger im Gespräch über Gustav Mahler, Dirigenten, Brigitte Fassbaender und Erl.

Innsbruck –Als einer der bedeutendsten Sänger der Gegenwart mit breit gespanntem Opern- und Konzertrepertoire und einer besonderen Liebe zum Lied ist er auf den führenden Opern- und Konzertbühnen zu Gast. Was Thomas Hampson über die rein stimmlichen Qualitäten groß macht, ist sein intellektueller Ansatz, seine Bescheidenheit gegenüber der Kunst, seine menschliche Integrität.

Am 15. Februar kommt der Bariton mit den Wiener Virtuosen, dem philharmonischen Kammerorchester, das in Tirol schon öfter konzertierte, auf Einladung des Zonta Clubs Innsbruck I ins Congress. Das Benefizkonzert kommt dem Ausbau des Innsbrucker Ronald McDonald Kinderhilfe-Hauses zugute. Auf dem Programm stehen Gustav Mahlers Kindertotenlieder, Antonin Dvoráks Zigeunerweisen, Richard Wagners Siegfriedidyll und Wolfgang Amadeus Mozarts Symphonie Nr. 40.

Herr Hampson, Sie haben mit den Wiener Virtuosen schon einmal in Innsbruck gastiert und 2011 gemeinsam eine hochfeine Einspielung von Mahler-Liedern herausgebracht. Kommt die kammermusikalische Besetzung Ihrer Mahler-Auffassung derzeit besonders entgegen?

Thomas Hampson: Die Idee dieses Projekts ist, zu verwirklichen, was Mahler selbst hätte wollen. Er schrieb immer vom Kammerorchester, wir gehen also zurück auf die von ihm angeregte Besetzung. Er schrieb über den Dialog, die Transparenz und Konsequenzen zwischen Instrumentalist und Sänger, und das will ich erreichen, ebenso einen Erzählton. Für die Zigeunerweisen von Dvorák habe ich die tschechische Komponistin Sylvie Bodorová mit der Instrumentierung beauftragt, an Mahlers Kindertotenliedern habe ich nichts geändert, es bleibt genau die Instrumentation, es spielen nur weniger Leute, zum Beispiel vier erste Geigen.

Sie haben die Mahler-Jahre 2010 und 2011 intensiv mitgestaltet. Brachte Ihnen diese Arbeit neue Einsichten?

Hampson: Das ist eine Symposiumsfrage! Ich habe jetzt wohl ein schärferes, klareres Bild von Mahler und seiner Arbeit, von seinen Krisen. Aber wir sollten ihn auch als ruhige und überlegte Person sehen, er hatte Humor, liebte das Leben und die Familie. Wir sprechen immer von Todessehnsucht und seinen Existenzfragen, aber egal, was die Fragen hervorrufen, es geht um den Moment des Jetzt. Natürlich hat er sich mit Leben und Tod auseinandergesetzt, aber er hatte nicht die geringste Sehnsucht zu sterben, davon ist nie die Rede. Dem Mann wurde durch Krankheit das Leben weggenommen, er hätte gerne weitergelebt.

Sie arbeiten mit sehr unterschiedlichen Dirigenten, man nehme nur den Gegensatz Nikolaus Harnoncourt – James Levine. Wie stellen Sie sich da um, häufig sogar innerhalb derselben Werke?

Hampson: Das ist das Handwerk des Sängers. Meine Arbeit bedeutet auch Anpassung, das ist eine tolle Herausforderung. Die Arbeit bringt immer Neues. Die Dirigenten haben unterschiedliche Prioritäten, aber alle beschäftigen sich mit den Sängern. Das ist spannend und oft gar nicht so konträr. Ich habe viel gelernt von großen Musikern, die wollen, dass ich mitmusiziere. Sie haben unterschiedliche ästhetische Positionen. Levine ist ein Gesangsspezialist und Harnoncourt ein Erzmusiker, der alles in die musikalische Aussage legt: absolut unterschiedliche Menschen, aber in der Arbeit letztlich so unterschiedlich nicht. Wir sind alle auf einem Berg, mit demselben Ziel, gehen nur andere Wege. Es entstehen spannende Dialoge. Es ist ein Teil meiner Aufgabe als Profisänger, mich umstellen zu können, Sänger müssen die Flexibilität haben, unterschiedliche Auffassungen anzunehmen.

Gustav Kuhn hat angedeutet, mit Ihnen bezüglich eines Liedprojektes bei den Tiroler Festspielen Erl im Gespräch zu sein.

Hampson: Das stimmt, wir haben uns im Dezember beim Bertelsmann Stimmen-wettbewerb getroffen und sprachen über eine Liederabend-Reihe, eventuell ein Symposium.

Kuhn wendet sich immer konsequenter von den negativen Mechanismen des Musikbetriebes ab. Wie schützen Sie sich davor?

Hampson: Briefe von Rossini und Liszt zeigen, dass das Geschäft sich nie geändert hat. Es bleibt ein Widerspruch, die menschliche Seele zu erreichen und das in ein Geschäft zu verwandeln. Man muss die Balance halten, und da geht es auch um Bildung. Ein Geschäft nur einfach abzulehnen, geht nicht, das muss man mit Vernunft, Respekt und Hartnäckigkeit angehen. Dass die Welt nur in Ziffern denkt, ist ein anderes Thema und voll Gewalt und Angst, wenn wir uns darin verlieren. Wir müssen dagegen arbeiten, auch gegen die Respektlosigkeit, und die Vernunft erhalten.

Gibt es neue Opernrollen, die auf Sie zukommen und neue Liedprojekte?

Hampson: Immer wieder! 2014 kommen mein erster Wozzeck und Liedprojekte mit Alban Berg und Richard Strauss. Ich möchte mich mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzen, gesehen durch die Dichtung. Um Amfortas wie Mahler zu singen oder Simone Boccanegra, ist eine genaue Repertoireplanung wichtig und Balance, um sich für viel Neues die Energie nicht zuletzt auch durch Regeneration zu bewahren.

Sie sind auch pädagogisch tätig, initiierten beim „Heidelberger Frühling“ eine Liedakademie. Was wollen Sie vermitteln?

Hampson: Was ich gesammelt habe an Erkenntnis, ist wertvoll für junge Kollegen. Das möchte ich weitergeben. Meine Meisterkurse an der Akademie in Heidelberg, wo ich seit mehr als zehn Jahren arbeite, gehen weiter, ich fühle mich dort inzwischen zu Hause. Wir bauen da ein Liedzentrum auf.

Haben Sie Kontakt zur Liedspezialistin Brigitte Fassbaender und ihren Liedsommer in Südtirol?

Hampson: Ich bin ein grenzenloser Bewunderer der Sängerin, Regisseurin, Intendantin Brigitte Fassbaender. Sie ist eine der aufregendsten Kolleginnen und eine künstlerische Instanz. Sie wird bei mir arbeiten und ich bei ihr. Dieser Frau stehe ich voll zur Verfügung.

Das Gespräch führte Ursula Strohal


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