Geschichten hinter der Geschichte

Am Beispiel Hohenems mischt Bernd Schuchter in seinem neuen Buch „Link und Lerke“ historische Fakten und fiktive Elemente.

Innsbruck –„Kein Schweigen“: Mit dieser Feststellung, die man auch als Aufforderung lesen kann, endet der neue Roman des Innsbrucker Autors und Limbus-Verlegers Bernd Schuchter. Auf knapp 150 Seiten verhandelt Schuchter eines der großen Themen allen Schreibens: Erinnerung.

Im Hintergrund des Romans steht die große Geschichte. Es geht um das jüdische Leben in Hohenems, natürlich geht es auch um die Shoah, um beispiellose Grausamkeit. Aber Schuchter will den Fokus auch auf die Geschichten im Schatten der großen Geschichte, im Schatten der Katastrophe, legen. In Hohenems, wo er selbst knapp vier Jahre gelebt hat, gebe es viele Elemente der so genannten Erinnerungskultur, sagt der Autor im TT-Gespräch. „Aber ich hatte auch immer wieder den Eindruck, dass Erinnerung im Museum abgelegt wurde.“ Schuchter will die Erinnerung an 800 Jahre jüdisches Leben in Hohenems also dort stattfinden lassen, wo dieses Leben gelebt wurde: auf den Straßen, in den Gasthäusern (in Hohenems gab es das erste Kaffeehaus Westösterreichs) und in heimeligen Stuben. Dafür vermischt Schuchter historisch Verbürgtes mit fiktiven Passagen. Im Zentrum stehen zwei Menschen, Ariel Link und Lerte Lang, die sich über ein Erbstück, einen geheimnisvollen Sekretär, näherkommen. Wobei das Treffen an geschichtsträchtiger Stelle nicht nur die Auseinandersetzung mit den eigenen Biographien auslöst, sondern auch ein filigran komponiertes Spiel mit historischen Episoden ist, in denen auch das mysteriöse Möbelstück immer wieder eine Rolle spielt.

„Link und Lerke“ ist ein erzählkritisches Kabinettstück, dass vor allem eines immer wieder vor Augen führt: Erinnerungen sind, genauso wie die Erzählungen, die daraus hervorgehen, keine ewigwährenden Wahrheiten. Und die Frage, wie das, was erzählt werden will, erzählt werden kann, muss immer wieder – manchmal bei jedem Satz – neu gestellt werden. (jole)

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