Stephan Eberharter: „Bezweifle, dass alle mit 100 Prozent bei der Sache sind“

Der Zillertaler Olympiasieger Stephan Eberharter spricht im TT-Interview über Druck, Einstellung, Berührungsängste und Marcel Hirscher.

Nur zwei Medaillen für den ÖSV nach sechs Bewerben bei der Ski-WM in Schladming. Haben wir aktuell eine „Staatskrise“ in Österreich?

Eberharter (lacht): Wir alle haben uns mehr erwartet. Eine Krise entsteht nicht innerhalb von 14 Tagen. Und wenn wir eine hätten, dann hätten wir sie schon länger. Zur Zeit vergleicht man das aktuelle Team gerne mit jenem als ich aktiv war und es gewaltig gelaufen ist. Wir hatten damals ein Überangebot an Rennläufern. Wenn zwei, drei nicht gestochen haben, dann waren die anderen da. Wenn aktuell unsere zwei Topfavoriten ausfallen, dann gibt‘s keinen, der das kompensieren kann. Die Athleten wachsen nicht auf den Bäumen und solche wie der Hirscher erst recht nicht, die eine absolute Top-Veranlagung und eine Einstellung dazu haben. Ich bezweifle bei einigen von uns, dass sie zu 100 Prozent für die Sache brennen.

Sie haben in St. Anton 2001 und Saalbach 1991 an zwei Heim-Weltmeisterschaften teilgenommen. Wie sind Sie mit dem Druck damals umgegangen?

Eberharter: Ich habe nie einen Druck von den Medien oder den Menschen im Land verspürt. Was ich sehr gespürt habe, war meine eigene Erwartungshaltung. Die war immer sehr, sehr groß. Ich habe nie gesagt, dass ich unter die 10 oder 5 kommen will. Ich war immer ein Siegläufer, ich wollte gewinnen. Wenn man wie Hirscher gute Resultate hat, dann musst du dich nur mit dem Sieg auseinandersetzen. Bronze ist ganz nett, aber das ist nicht das was ich kann. Das klingt hart, das ist aber so. Nur wer die 100-prozentige Einstellung dazu hat, macht Gold. Das sind dann die wahren Champions.

Der ganze öffentliche Druck lastet nun auf Hirscher. Kann er die für die Ski-Nation Österreich die Kastanien aus dem Feuer holen?

Eberharter: Ich glaube nicht, dass er zusätzlich noch mehr Druck hat von den Medien. Er hat eh schon einen großen Druck, den er selbst auf sich ausübt. Umso länger wir keine Medaillen einfahren, desto mehr nerven die Medien ihn, dass er unsere letzte Hoffnung ist. Der Athlet will sich in Ruhe vorbereiten. Ich verstehe aber die Medien, es muss was geschrieben werden, Seiten müssen gefüllt werden. Natürlich sind die Anforderungen groß. Der ÖSV selber schmollt auch, Präsident Schröcksnadel ist auch nicht gut drauf die letzten Tage. Das verstehe ich alles. Immerhin wird viel Geld investiert und dann will man auch Resultate sehen.

Kommen die aktuellen ÖSV-WM-Starter zu Ihnen und fragen Sie nach Tipps?

Eberharter: Eigentlich nicht. Sie sehen in mir schon eine Art Hero und haben vielleicht ein wenig Berührungsängste. Ich würde ihnen am liebsten sagen: Freunde, ihr müsst‘s einfach drauflosfahren, mit eurem Herzen voll dabei sein. Das habe ich auch dem Hannes Reichelt nach seinem Sieg in Bormio gesagt. Du musst bei jeder Abfaht an den Start gehen und sagen, dass ich dieses Rennen gewinnen kann, nicht nur von den Top 5 reden. Er hat seit Bormio die Bestätigung, dass er auf jeder Abfahrt gewinnen kann. Das muss er jetzt voll leben. Das wünsche ich mir für die Burschen.

Das Gespräch führte Günter Almberger


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