Die Sache mit der Selbstdisziplin

Jogginghose und Moppelfigur: Schönheit Mila Kunis lässt sich gehen. Das ist menschlich. Warum es so schwierig ist, Maß zu halten und warum sich selbst gut zu kennen ein Schritt zur Besserung ist, erklärt der Psychologe Julius Kuhl.

Von Andrea Wieser

Bisher wurde sie angehimmelt und beneidet. Die amerikanische Schauspielerin Mila Kunis (29) hatte alles, wovon kleine Mädchen träumen. Eine Hollywood-Karriere („Black Swan“), einen Supermann (Ashton Kutcher) und eine Traumfigur – nun ja, bisher eben. In den letzten Monaten hat die ehemals elfenhafte Schauspielerin rund zehn Kilo zugenommen und rennt gerne in Jogginghosen durch die Gegend. Aus mit Glamour, Mila ist jetzt schlampig.

Und die Strafen folgen prompt. Die erste konkrete Sanktion war der verlorene Werbevertrag mit dem Modehaus Dior. Ganz öffentlich zugegeben hat man es zwar nie, aber es braucht nicht viel Phantasie, um sich vorzustellen, wie unglücklich die Werbekreativen über Milas White-Trash-Auftritte waren.

Dieser Bund ist nun Schnee von gestern und schon bangt man um den nächsten: Ihr aktueller Lover, Ashton Kutcher, viel umworbener Superschnuckelmann und Ex-Ehe-Boy von Demi Moore, soll es ebenso gehen wie Dior. Die Geschichte wird aufmerksam verfolgt, kein Wunder. Es ist dem Menschen ein Trost, wenn die Schönsten scheitern. Denn Schwäche kennt er nur zu gut, von sich selbst.

Ein Konzeptfehler, ist sich Julius Kuhl, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Osnabrück, sicher: „Die viel beschworene Selbstdisziplin ist nichts anderes als Ich-Unterdrückung. Das gleicht einer inneren Diktatur.“ Viel weiter komme man hingegen mit dem sehr viel komplexeren, aber auch sinnvolleren Konzept der Selbstregulation. Dahinter steckt im Prinzip der reflektierte Umgang mit den eigenen Gefühlen und Stimmungen und die Fähigkeit, diese Absichten zu verwirklichen. Wer da schnell und dogmatisch handle, sei eben auf dem Holzweg. „Wir nennen das ,Innere Demokratie‘“, erläutert der Psychologe, „das Problem ist jedoch, es erfordert ein hohes Maß an sozialer Kompetenz, um Selbstregulation auszuüben.“ Oder anders und altbekannt gesagt: Selbsterkenntnis ist der erste Weg zu Besserung.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Als Beispiel für einen guten Draht zu den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen skizziert Kuhl eine simple Alltagssituation: „Wenn Sie ins Kino eingeladen werden, dann gibt es eben mehr Antworten als ‚Ja‘ und ,Nein‘, nämlich etwa ein ,Vielleicht morgen‘.“ Aber nur wer sich selbst gut genug kennt, ist in der Lage, das so zu formulieren und die richtige Entscheidung für sich zu treffen.

Der Vergleich mit politischen Systemen macht die Sache noch anschaulicher: „In einer Diktatur haben wir schnelle Erfolge, weil mit Angst gearbeitet wird. Demokratie hingegen ist ein Abwägen aller Stimmen. Das erfordert Geduld und Erfahrung und ist sehr aufwändig.“

Wie unlogisch der Mensch ist, wenn er versucht selbstdiszipliniert zu agieren, hat ganz aktuell Verhaltenspsychologin Janet Polivy von der Universität in Toronto in Kanada mit dem „What-the-hell-effect“ belegt. Sie bewies, dass wir bei einer Diät in dem Moment, in dem wir unser Maß an Tageskalorien schon überschritten haben, viel mehr dazu bereit sind, uns gehen zu lassen. Frei nach dem Motto „Ist eh schon wurscht“ wird dann prompt eine ganze Pizza verputzt. Die Logik müsste einem jedoch gebieten, gerade in diesem Moment noch weniger zu essen.

Ein kleiner Trost: Wissen schützt vor Schwäche nicht. Michael Tomoff, Diplom-Psychologe und engagierter Blogger (www.tomoff.de), gesteht: „Ich habe einen fleischfreien Donnerstag. Wenn ich dann ,aus Versehen‘ Fleisch gegessen habe, kann es durchaus sein, dass ich mir abends extra das Steak im Restaurant bestelle.“

Irgendwie sind wir also alle ein wenig schwach. Stellt sich nur noch die Frage, ob Mila Kunis dank ihrer Berühmtheit noch schlimmer dran ist? „Durch die unentwegte Beobachtung treten Bewertungsängste auf, dann wird es schwer mit der inneren Weite. Das kann man bei vielen Promis sehen. Die wenigsten lassen die Kirche im Dorf“, meint Julius Kuhl. „Dieses ‚Im-Mittelpunkt-Stehen‘ ist eine Art Droge. Wer Selbstregulation nicht gelernt hat, dem fehlt eben auch die innere Freiheit, das auszugleichen.“


Kommentieren