Nicht ohne meine Handtasche

Es gibt kaum ein Kleidungsstück, das so viel über seine Trägerin verrät, wie die Handtasche. In der weltweit ersten Handtaschenstudie von Ute Rademacher gewährten Frauen aus aller Welt Einblick in das intimste Accessoire in ihrem Leben. Für uns ließen sich zwei Kolleginnen in ihre Handtaschen schauen.

Von Miriam Hotter

Wir kramen, tauchen und durchwühlen die Tiefen unserer Handtaschen auf der Suche nach unserem Handy, dem Schlüssel, der Sonnenbrille oder anderen lebenswichtigen Utensilien. 76 Tage ihres Lebens verbringt eine Frau im Schnitt damit, in ihrer Tasche zu suchen – das ist nur eines von vielen interessanten Ergebnissen der weltweit ersten Handtaschenstudie „Bag Stories“ von Colibri Research.

Studienbeauftragte für Deutschland ist die Wirtschaftspsychologin Ute Rademacher. Sie hat sich zusammen mit Kollegen aus aller Welt die Geschichten von Frauen und ihren Handtaschen aus 17 Ländern angehört und so herausgefunden, warum Frauen alles Mögliche in ihren Handtaschen herumschleppen.

„Die Handtasche ist das Kontrollinstrument einer Frau“, meint Rademacher und bezeichnet die Handtasche als einen „Ich-bin-für-alles-gewappnet-Koffer“. Handtaschen würden den Besitzerinnen helfen, Dinge, die ihnen passieren könnten, im Griff zu haben. Kopfschmerzen? Kein Problem, eine Aspirin-Tablette findet sich gewiss in der Handtasche. Nagel abgebrochen? Eine Nagelfeile ist stets griffbereit. „Eine Tasche ist der mobile Werkzeugkoffer, um sich von einer seriösen Geschäftsfrau zur fürsorglichen Mutter oder auch zur Partylöwin verwandeln zu können“, sagt die 47-Jährige im TT-Gespräch.

Kein Wunder also, dass der Inhalt einer Handtasche durchschnittlich drei Kilogramm wiegen soll. In den letzten fünf Jahren sei das Gewicht von Taschen um 38 Prozent gestiegen. „Das kommt daher, dass wir einfach mehr mit uns herumschleppen“, sagt die Deutsche. Wenn man selbst in die eigene Handtasche schaut, dann weiß man, wovon sie spricht: von Büchern, Zeitschriften, Geldtasche, Laptop, Make-Up, Notizbuch, Linsenwasser bis hin zum „Notfall-Schokoriegel“ findet sich alles.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Was Ute Rademacher und ihre Kolleginnen in den Taschen der Befragten fanden, war zum Teil überraschend: Neben den gewöhnlichen Utensilien wie Kaugummi, Lippenstift und Portemonnaie entdeckten die Forscherinnen Unterhosen, ein Küchenmesser, falsche Brüste, einen Hundewelpen oder einen drei Wochen alten Apfel. „Manche Frauen bewahren alles in ihren Taschen auf“, schmunzelt die Deutsche.

Taschen sind aber nicht nur funktionale Behältnisse, sondern in ihnen stecken auch Gefühle. „Die Aktentasche war früher dazu bestimmt, Liebesbriefe und andere wertvolle und geheimen Nachrichten zu transportieren“, weiß Rademacher. Oft waren Taschen ein Geschenk, das mit Emotionen verbunden ist. „Immerhin erinnern sich vier von fünf Frauen an ihre erste Handtasche“, meint die 47-Jährige. Bei den meisten Befragten waren das Täschchen mit Blümchen und Rüschen, Glitzer, Feen und Disney-Figuren.

Im Laufe der Zeit wächst die weibliche Handtaschensammlung. Der Studie zufolge besitzt die durchschnittliche Frau zwei bis sechs Handtaschen. Italienerinnen scheinen regelrecht unter einem „Taschenfetischismus“ zu leiden – sie besitzen zwischen 20 und 60 Taschen. Für sie müssen Frauen auch tief in die Tasche greifen: 11.000 Euro sollen Frauen insgesamt in ihrem Leben für Handtaschen ausgeben.

Eine Investition, die die eigene Persönlichkeit zum Ausdruck bringen soll. „Die eigene Tasche kann wie eine Leinwand für ein Selbstporträt sein“, sagt Rademacher. Sie verkörpere die Identität und den persönlichen Stil. Eine Frau verbinde die Tasche mit ihrer feministischen Seite, mit ihrer Reife oder ihrer Verspieltheit.

Für einige Frauen ist eine der Funktionen die meiste Zeit über bestimmend. Eine andere Lebensphase kann die Funktion aber beeinflussen. „Wenn eine Frau Mutter wird, dann dient ihre Tasche vor allem als Kontrollinstrument. Doch eines Tages möchte sie sich von dieser Rolle wieder lösen und ihr altes Selbstbild bekräftigen“, sagt Rademacher. Auch die Kultur beeinflusse die Funktion einer Tasche. Londonerinnen, die regelmäßig U-Bahn fahren, würden Kontrolle und Schutz mehr schätzen als Frauen in Auckland, deren Autos quasi ihre zweite Handtasche seien. Frauen in Shanghai, Kapstadt und Moskau verwenden der Studie zufolge ihre Taschen eher dazu, ihren sozialen Status zu demonstrieren.

In Lateinamerika veranschaulichen Taschen das Streben der Frauen nach Selbstdarstellung. Was Frauen auf der ganzen Welt gemeinsam haben, ist, dass sie sich ungern in die Tasche schauen lassen. „Sie ist privat“, erklärt Rademacher.

Trotzdem haben sich zwei Kolleginnen bereit erklärt, einen Blick in ihre Taschen zu werfen. Nachsatz: Was hier zum Vorschein kam, verwunderte die Besitzerinnen zum Teil selbst.


Kommentieren


Schlagworte