Nostalgie auf zwoa Brettln

NostalSki, das Rennen auf historischen Brettln, lockt alljährlich Sportler nach Zell am See. Zum zehnten Mal kämpften sie nun am 9. Feber beim „Fernlauf“ um die Ehre. Das zweite Jubiläum feiert die Bahn zum Hausberg der Zeller, die „Schmitten“ – sie ist 85. Zwei Gründe, den Tourismus von einst zu beleuchten.

Von Stefanie Kammerlander

Spitzenunterrock, dicke Stutzen, langer Wollrock, ein Jopperl und eine elegante Fuchsstola – Erni hat sich für den großen Tag auf der Schmittenhöhe wieder besonders fein herausgeputzt. So wie jedes Jahr, wenn das „NostalSki“-Rennen nach Zell am See lockt.

Erni ist eine der 85 verwegenen Sportler aus sechs Ländern, die sich dem historischen Skilauf verschrieben haben. Mit den Nostalgikern wartet sie vor der Sissy-Kapelle auf das Startzeichen – sie fährt übrigens in der Klasse „Damen mit Kanten“. Das heißt, dass die langen Brettln den Luxus von geschraubten Kanten haben. Aber auch Figl mit säuberlich gebundenen Stricken um die Lederschuhe sind zu sehen oder 220 Zentimeter lange Eschenholzbrettln, die der Fahrer halsbrecherisch mit einem Stecken um die Kurven bewegt. Abenteuerlich, wie sie sich die Piste hinunterstürzen. Der Schnellste braucht für die Abfahrt bis zum Stadtplatz nach Zell am See knapp über sieben, der langsamste 45 Minuten. Und beim anschließenden Parallelslalom „Nebn‘a‘nont“ verblüfften sie nochmals mit ihrem fahrerischen Können.

Wintersport hat in Zell am See eine lange Tradition. Schließlich war es das Salzburger Städtchen, in dem 1893 die ersten Skifahrer mit ihren selbst geschnitzten Brettln aufgetaucht sind. Kaiser Franz Josef war ebenfalls in diesem Jahr – als Sommerfrischler – zu Gast und Kaiserin Elisabeth kannte sich zu diesem Zeitpunkt bereits bestens in der Bergwelt von Zell am See aus.

„Als damals die heimischen Bergführer nicht wussten, wer sie war, sprachen sie nur von der ,wilden Henn‘, die um ein Uhr Früh zu Fuß auf die Schmittenhöhe ging, um den Sonnenaufgang zu erleben“, erzählt Bezirksarchivar Horst Scholz. Er führt durch das Vogtturm-Museum, das Zeugnis der langen Wintersportgeschichte von Zell am See abgibt. Auf vier Stockwerken kann der Besucher in die alte Zeit eintauchen, als der große Sohn des Ortes, Bubi Bradl, mit 83 Metern beim Skispringen Schanzenrekord aufgestellt hat. Oder als auf dem zugefrorenen See noch Autorennen veranstaltet wurden, Flugzeuge starteten und Berufsfischer mit den beliebten Zeller Krebsen ihr Geld verdienten. Über 2000 Exponate, darunter Skier, Stöcke, Schuhe aus allen Dekaden, sind im Museum ausgestellt.

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„Wer diese langen Bretter beherrscht, kann wirklich gut Ski fahren“, sagt der Herr mit der Startnummer eins, der Zeller Bürgermeister Hermann Kaufmann. „Mit den weichen Lederskischuhen spürt man jede einzelne Zehe. Es ist wie ein Tanz auf rohen Eiern“, versucht er das Fahrgefühl zu erklären, das vielen Menschen Freude macht.

Der Telemark-Schwung wird in Skischulen wieder unterrichtet, Telemark-Skier sind in Mode. „Diese High-Tech-Produkte sind mit den Brettln von früher nicht vergleichbar“, erzählt der Skilehrer von heute, Heli Sailer. Er ist der „junge“, der sich mit dem „alten“, Sepp Ragginer (64), beim Jagawirt in Kaprun trifft, um über Skifahren von einst und jetzt zu reden. Der Sepp hat sich das Skifahren selbst beigebracht: „Oft pappte der feuchte Schnee als Klumpen auf den langen Holzlatten und das Skiwachsen gehörte zum Sport. Denn nach zwei Abfahrten schaute wieder das blanke Holz heraus.“ Jung und alt verbindet übrigens, dass sie beide privat am liebsten Buckelpiste fahren. Apropos Jagawirt: Hier kocht ein Pinzgauer Original, denn der Hans Nindl ist nicht nur Koch, Wirt, Metzger und Jäger, sondern auch Fotomodell und Werbeträger („Willkommen im Land Salzburg“). Und Weltreisender, z. B. fuhr er die 22.500 Kilometer mit dem Auto nach Südafrika.

Die Tourismusregion Zell am See – Kaprun ist natürlich nicht im Nostalgiedenken stehen geblieben. In der Region wurden von November 2011 bis Oktober 2012 2,25 Millionen Nächtigungen gezählt. Dem Skifahrer steht eine Angebotspalette zur Verfügung, die keine Wünsche offen lässt – vom Ganzjahresskigebiet Kitzsteinhorn (mit sehenswertem 360 Meter langen Gipfelwelt-Stollen und spektakulärer Iglulandschaft Ice Camp) über den Fun- und Snowpark bis zu dem grandiosen TauernSpa.

Beachtliche Nächtigungszahlen – und dennoch: Zell am See hat noch den besonderen Bezug zur Vergangenheit. Das macht das Städtchen so sympathisch.


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