Piech in Bedrängnis: Europas Autokönig droht die Anklagebank

Die juristischen Nachwehen des Machtkampfes zwischen Porsche und VW trifft nun auch die Spitze des bekanntesten deutschen Autoclans: Die Staatsanwälte in Stuttgart haben Ferdinand Piëch im Visier.

Stuttgart - Er gehört zu den einflussreichsten Autobossen Europas - und wusste seine Macht bisher stets geschickt zu nutzen: Ferdinand Piech. Als Strippenzieher bei Volkswagen war er einer der Hauptakteure in der Übernahmeschlacht von Porsche und VW 2008/2009. Nach jahrelangem Tauziehen gelang es ihm im vergangenen Sommer, die Sportwagenschmiede unter das Dach des größten europäischen Autobauers VW zu holen. Eigentlich wollte sich der Porsche-Konzern die Hausmacht bei Volkswagen sichern.

Doch genau dieser Schachzug bringt Piech nun viel Ärger ein. Die Staatsanwälte in Stuttgart ermitteln wegen der Übernahmeschlacht nun gegen den kompletten früheren Aufsichtsrat der Porsche-Dachgesellschaft Porsche SE. Und dabei haben sie nun den erfolgsverwöhnten VW-Patriarchen Piech ins Visier genommen, weil er der gezielten Täuschung von Anlegern Vorschub geleistet haben soll. Schon vor einem Jahr beschied das Stuttgarter Oberlandesgericht, der VW-Patriarch habe seine Aufsichtsratspflichten bei der Porsche-Holding PSE während des Übernahmekampfes der beiden Unternehmen verletzt. Piëch habe seinerzeit eingeräumt, nicht recht zu wissen, wie viel Sprengstoff Porsches riskante Optionsgeschäfte für den Griff nach der Macht bei VW bergen.

Im Vergleich zur damaligen Ohrfeige der Juristen, die Piëch nur eine gewisse Schluderigkeit attestierten, hat der neue Vorwurf eine andere Qualität. Die Ankläger legen ihren Fokus auf den gesamten PSE-Aufsichtsrat von damals - zwölf an der Zahl. Neben Piëch trifft es auch dessen Cousin Wolfgang Porsche. Piëchs Ruf als derjenige, der die kürzlich geeinten Teile Porsche und VW in ruhiges Fahrwasser steuert, gerät in Gefahr.

Verdacht der Beihilfe zu Marktmanipulationen

Der Vorwurf lautet auf Beihilfe zur Marktmanipulation, die unter das Wertpapierhandelsgesetz fällt. Ein Sprecher der Anklagebehörde verwies auf den Paragrafen 20a, ohne Details zu nennen. Dem Text dort zufolge könnten die Ermittler nach ersten Vorprüfungen den Eindruck gewonnen haben, Piëch und die anderen Aufsichtsräte hätten womöglich wissentlich dabei geholfen, die Finanzwelt hinters Licht zu führen. Im schlimmsten Fall drohen fast vier Jahre Haft.

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Ermittlungen sind noch keine Anklage. Und selbst wenn die folgen sollte, muss ein Gericht erst über eine Prozesseröffnung entscheiden. Dennoch: In dem Wirtschaftskrimi um die Übernahmeschlacht zwischen der PSE und VW sind Strafrechtsermittlungen gegen Piëch persönlich eine neue Dimension - rund fünf Jahre, nachdem alles begann.

Anleger fühlen sich betrogen und fordern Milliarden

Die juristischen Nachwehen der Vorgänge aus 2008 und 2009, die die PSE mit 11,4 Milliarden Euro Schulden zurückließen, sind bereits seit längerem facettenreich. Anleger sehen sich rückblickend betrogen und fordern Milliarden Euro an Wiedergutmachung in mehreren Prozessen hierzulande und auch in den USA. Porsches Ex-Finanzchef Holger Härter muss sich seit Herbst 2012 wegen Kreditbetruges vor dem Landgericht Stuttgart verantworten. Außerdem sind er und Ex-Porsche-Chef Wendelin Wiedeking wegen Marktmanipulation angeklagt - die Prozesseröffnung harrt der Dinge. Und nun gerät der PSE-Aufsichtsrat in den Strudel.

Piëch und Porsche haben gemeinsame Familienwurzeln. Piëch gilt als VW-Machtzentrum und ist Chef des dortigen Aufsichtsrates - kontrollierte als Mehrheitseigner zusammen mit Porsche aber auch bei der PSE. Diese Mehrfachrollen aus Aufsichtsratsmandaten und Kapitalbesitz brachten Piëch auch Kritik ein.

„Benzin im Blut“

Der als begnadet geltende Ingenieur, von dem es immer wieder heißt, er habe „Benzin im Blut“, kam über Audi an die VW-Spitze. Er ist wohl der einzige Top-Manager der Autobranche, der das Wissen hat, einen Motor alleine zusammenzubauen. Rivalen hebt der gebürtige Wiener ebenfalls mit Leichtigkeit aus dem Sattel. Den unliebsamen VW-Chef Bernd Pischetsrieder drängte Piech Ende 2006 zugunsten seines Vertrauten Martin Winterkorn aus dem Amt. Auch als der frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking seinen Stuhl räumen musste, trug Piech dazu bei.

Sein Cousin Wolfgang Porsche führt den zweiten Zweig der Familie an, die die Holding PSE dominiert, in der wiederum als Resultat des Übernahmekampfes hauchdünn die Mehrheit am Volkswagen-Konzern liegt.

Mitte 2007, als Porsche mit dem Aufbau der VW-Beteiligung begann, hatte Wolfgang Porsche der „FAZ“ ein Interview gegeben. Auf die Frage, wer die Idee für den VW-Einstieg hatte, sagte er: „Eingefallen ist dieser Coup dem Doktor Wiedeking.“ Was nach diesem Zeitpunkt beim weiteren Aufbau der VW-Beteiligung geschah, wer was wusste und inwieweit die Aufsichtsräte Detailkenntnisse hatten, ist bis heute nebulös. Aber Piëch galt in vielen Medien weithin als zentraler Strippenzieher.

Fakt ist, dass die PSE sich am Ende gewaltig verhob und VW zur letzten Rettung wurde. War es am Ende ein Angriff der Porsches auf die Piëchs, ein familieninterner Wettkampf? Oder wusste Piëch als PSE-Aufsichtsrat Bescheid und alles war eine gemeinsame Strategie? Das wollen Richter und seine Staatsanwälte wohl auch gerne erfahren.

Wegweiser durchs Klagedickicht bei Porsche/VW

Die Übernahmeschlacht zwischen Porsche und Volkswagen 2008/2009 hat ein langes juristisches Nachspiel. Es geht um strafrechtliche Ermittlungen und auch um Schadenersatzforderungen in Milliardenhöhe. Rückblickend fühlen sich Investoren falsch informiert und um ihr Geld gebracht. Seit August 2012 gehört das Geschäft mit den Sportwagen aus der Porsche AG zwar vollständig zum VW-Konzern - das Klagerisiko bleibt aber bei der Porsche-Holding PSE.

USA: Insgesamt 26 Fondsgesellschaften werfen dem Konzern Betrug und ungerechtfertigte Bereicherung vor. Ursprünglich wollten sie in den USA insgesamt mehr als 1,4 Milliarden Dollar (rund 1 Milliarde Euro) von der Porsche Holding. Der New York State Supreme Court hatte im Dezember allerdings entschieden, dass New York nicht der richtige Gerichtsstand für die Beurteilung der Ansprüche der Hedgefonds sei. Diese hatten zunächst Berufung angekündigt, schließlich aber darauf verzichtet. Damit ist die Porsche Holding die milliardenschweren Klagen zwar nicht endgültig los, kann die Verfahren damit aber praktisch nach Deutschland holen.

Daneben wird darum gerungen, ob US-Gerichte überhaupt zuständig sind. In erster Instanz hat die PSE gewonnen. Die Gegenseite hat Berufung eingelegt.

LANDGERICHT BRAUNSCHWEIG: Dort hingen fünf Klagen von Anlegern an, von denen das Gericht inzwischen zwei zugunsten von Porsche abgewiesen hat. Sie richteten sich gegen die Porsche-Holding PSE. Die übrigen drei Verfahren, bei denen die Klagesumme mehrere Milliarden Euro beträgt und zum Teil auch die Volkswagen AG betroffen ist, haben laut Plan ihren mündlichen Verhandlungstermin am 17. April 2013. Wie im Oktober 2012 bekannt wurde, kam zwischenzeitlich noch eine Klage auf 213 Millionen Euro Schadenersatz hinzu. In diesem Fall haben Anwälte zunächst Zeit für Stellungnahmen.

STUTTGART 1: Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen frühere Porsche-Manager, darunter Ex-Vorstandschef Wendelin Wiedeking und Finanzchef Holger Härter. Es ging um Kreditbetrug, Untreue und Marktmanipulation. Am Ende mussten sich wegen Kreditbetruges Härter und zwei seiner damaligen Führungskräfte verantworten, der Prozess soll 2013 enden. Die Staatsanwaltschaft erhob gegen Wiedeking und Härter Mitte Dezember 2012 Anklage wegen Aktienkursmanipulation. Zuletzt wurde bekannt, dass die Behörde auch gegen Aufsichtsräte ermittelt.

STUTTGART 2: Das Oberlandesgericht (OLG) entschied Ende Februar, dass VW-Patriarch Ferdinand Piëch seine Pflichten als Aufsichtsrat der PSE während der Übernahmeschlacht beider Unternehmen verletzte. Das OLG erklärte daher die Entlastung des Kontrollgremiums für das Geschäftsjahr 2008/2009 für nichtig. (dpa, Reuters, APA, TT.com)


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