Wenn weniger mehr ist: Tiroler üben sich im Verzicht

Nicht nur aus religiösen Gründen nehmen viele Tiroler die Fastenzeit zum Anlass, sich 40 Tage lang in irgendeiner Form zu kasteien.

Von Katharina Zierl

Innsbruck –Schluss mit lustig. Am heutigen Aschermittwoch startet die 40-tägige Fastenzeit. Viele Tiroler haben sich vorgenommen, auf etwas zu verzichten. Nicht nur aus religiösen Gründen. „Immer mehr Menschen nehmen die Fastenzeit zum Anlass, sich zu fragen, was für sie wirklich wichtig ist, und sich selbst zu finden“, sagt die Innsbrucker Psychologin Karin Urban.

Gerade in Zeiten, in denen „jederzeit alles zu haben ist“, sei der Wunsch nach „Besinnung auf das Wesentliche“ groß, betont die Psychologin. „In der Fastenzeit geht es längst nicht nur um den Verzicht auf gewisse Lebensmittel. Viele versuchen etwa ganz bewusst, etwas weniger Zeit am Computer und im Internet zu verbringen“, sagt die Psychologin.

Auch das Autofasten erfreut sich immer größerer Beliebtheit, wie Axel Grund, Sprecher der Plattform Zukunft statt Autobahn (zsa) erklärt: „Fast 15.000 Österreicher haben sich für das Autofasten registriert. Erfahrungsgemäß fahren sie durchschnittlich 15 Kilometer pro Tag weniger. Umgerechnet in Kilometer bedeutet das fast neun Millionen nicht gefahrene Autokilometer.“ Bereits zum achten Mal wird die Kampagne heuer durchgeführt.

Egal worauf man auch verzichten will: „Es ist auf jeden Fall sinnvoll, sich Gedanken darüber zu machen, was einem guttut“, erklärt Urban. Der Aspekt des Innehaltens spiele für immer mehr Menschen eine große Rolle. „Es ist eine wichtige Erfahrung, zu erleben, wie es einem geht, wenn man auf gewisse Abhängigkeiten verzichten soll“, betont die Psychologin. „Gerade auch jungen Leuten, die sich den ganzen Tag über mit ihrem Smartphone beschäftigen, täte ein Verzicht gut“, sagt Urban. Die 40-tägige Entbehrung könne laut der Psychologin wichtige Erkenntnisse für die Zukunft bringen: „Der Schluss daraus könnte etwa sein, dass man auch im Alltag immer wieder ganz bewusst auf etwas verzichtet. Zum Beispiel einmal pro Woche auf Computer und Internet.“

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Wie man es wirklich schafft, den 40-tägigen Verzicht durchzuhalten? „Es ist nur zu schaffen, wenn der Wille, das durchzuziehen, sehr groß ist.“ Schafft man es doch nicht, sei das auch keine Tragödie, sagt Urban: „Dann sollte man sich fragen, woran das Vorhaben gescheitert ist, und was vielleicht noch nötig ist, um es beim nächsten Mal zu schaffen.“

Wer während der Fastenzeit mit täglichen „Papst-SMS“ versorgt werden will, kann auf ein Angebot der katholischen Kirche zurückgreifen. Heute startet die SMS-Aktion mit täglichen Papstgedanken. Bis zum Karsamstag erhalten Interessierte kostenlos Nachrichten mit Zitaten von Benedikt XVI. Die Initiative werde trotz des Amtsverzichts des Papstes durchgeführt, weil die ausgewählten Zitate „einen prägnanten Einblick in Glauben und Denken des Papstes“ bieten würden, erklärt Paul Wuthe, Medienreferent der Bischofskonferenz. Anmeldungen sind laufend möglich.

Zum Start der Fastenzeit werden heute in ganz Tirol Fastensuppen verteilt. In Innsbruck etwa geht das Benefizsuppenessen zwischen 11.30 und 13 Uhr beim Stadtturm in der Altstadt über die Bühne.

Bischof Manfred Scheuer wird, wie bereits berichtet, im Rahmen der Verhüllungsinitiative „Aktion Glaube“ den Christus des Glocknerkreuzes in ein violettes Tuch hüllen. Der Bischof startet seine Gipfeltour allerdings wetterbedingt nicht am Aschermittwoch, sondern voraussichtlich am Donnerstag.


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