Leben als Wechselspiel aus Ordnung und Unordnung

Ein literarisches Rollenspiel der Extraklasse: In 13 fragmentarischen Episoden erzählt Eva Menasse in „Quasikristalle“ das Leben einer Frau.

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Dass Eva Menasse eine exzellente Schreiberin ist, hat sie bereits mit ihrem Romandebüt „Vienna“ und ihrem Erzählband „Lässliche Todsünden“ bewiesen. Mit ihrem soeben erschienenen neuen Roman „Quasikristalle“ hat sich die vom Journalismus herkommende, seit zehn Jahren in Berlin lebende 43-jährige Wienerin viel vorgenommen. Indem sie versucht, anhand eines einzigen Frauenlebens das Frausein schlechthin zu erklären. In all seinen Brüchen, Widersprüchen, Härten und Freuden. Und dies vor einer sich ständig wandelnden Welt, der Menasse in ihrem Buch ebenfalls einen Spiegel vorhält.

Das Ergebnis ist keine lineare Erzählung, wird das Leben der Frau mit dem sonderbaren Roxane – die von allen Xane genannt wird – doch aus 13 sehr unterschiedlichen Perspektiven erzählt. In der die eigentliche Hauptperson fast immer nur eine Nebendarstellerin ist. Allein im zentralen siebten Kapitel zieht die Mittvierzigerin in der Ich-Perspektive zufrieden Bilanz über ihr bisheriges Leben. Als im Beruf erfolgreiche Mutter, verheiratet mit ihrer großen Liebe. Ein Mann mit dem sie seit mehr als 20 Jahren ihr Grundverhältnis zur Welt teilt, mit dem sie über dasselbe lacht oder weint. Doch so harmonisch geht es absolut nicht auf allen 426 Seiten des Buches zu.

Zum ersten Mal begegnet man der wohlbehüteten Xane als 14-Jähriger, die in den Sommerferien ihre Freundin Judith und deren sonderbare Familie besucht. Dieser Sommer bedeutet einen Wendepunkt in Xanes Leben, nicht zuletzt durch sein Ende. Durch den Tod der Dritten im Bunde, in deren offenes Grab die zwei rosa Zuckerwatte werfen.

Auf ganz andere Art wird die inzwischen studierende Xane mit dem Tod bei einer Exkursion nach Auschwitz konfrontiert, erzählt aus der Sicht eines 45-jährigen Professors, der sich die Haare mit Henna färbt und die junge Frau mit der roten Bluse hartnäckig umkreist.

Eine Episode wie zwölf andere. Wo Xane einmal in der Kinderwunschklinik auftaucht, dann wieder als beinharte Chefin, als gestresste Stiefmutter, als untreue Ehefrau, als Mieterin, als Freundin, als Tochter, als Großmutter. Am berührendsten, weil ganz aus der Ferne beobachtet, ist vielleicht das Kapitel, in dem Xanes Mann unbeachtet von ihr auf einer Parkbank stirbt.

Eva Menasse packt in ihr neues Buch und somit in nur ein Frauenleben sehr viel. Vielleicht zu viel, um in der Aneinanderreihung von bruchstückhaften Momentaufnahmen den Charakter dieser Frau schlüssig erschließen zu können. Der sich uns als eine jede rationale Logik verweigernde Struktur aus Ordnung und Unordnung darstellt. Ähnlich wie bei den dem sehr empfehlenswerten Buch seinen Namen gebenden Quasikristallen.


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