Hauptberuflich Kosmopolit

Ein 680.000 Kilometer langer Trip: Sepp Kaiser bereiste alle Staaten der Erde in einer mehr als zehnjährigen, ununterbrochenen Expedition. Damit ging er ins Guinnessbuch ein.

Von der Ruinenstadt Machu Picchu in Peru (l.) über die Osterinsel bis nach Papua-Neuguinea (u.) in einer Reise: Sepp Kaisers „Lehre“ zum Kosmopolit dauerte mehr als zehn Jahre.Fotos: Kaiser
© thomas boehm

Von Judith Sam

St. Pölten –„Mit schwerer Hepatitis A lag ich im Krankenhaus in Nepal. Nachts sausten Ratten über mein Bett. Gruselig. Aber immer noch besser als die Zustände im Hospital in Zentralafrika“: Während Pauschaltouristen sich wegen belegter Pool-Liegen beschweren, hatte Sepp Kaiser auf seiner längsten Reise mit wirklich gewichtigen Problemen zu kämpfen.

Doch kein Wunder, dass der Niederösterreicher vielfältigere Impressionen sammelte als Standardurlauber – schließlich dauerte Kaisers extremster Trip knapp elf Jahre. Sein Plan war anfangs nur zu reisen, um den sozialen Zwängen zu entfliehen: „Nach einigen Jahren unterwegs reifte allerdings der verrückte Plan in mir, alle Staate­n der Welt zu besuchen.“

Der Clou an der 691.000 Kilometer langen Expedition war, dass Kaiser Österreich während des gesamten Reisezeitraums nicht passieren wollte: „Ein Land zweimal zu besuchen, wäre für mich eine Art Schummel­n gewesen.“ Weil Kaiser weltweit der Erste war, dem dieses Vorhaben gelang, wurde er ins Guinnessbuch der Rekorde aufgenommen.

In manchen der 192 Länder verweilte er Jahre, in anderen ledig­lich Stunden: „Krisengebiete wie Afghanistan oder den Iran habe ich nur formhalber betreten.“ Zu Recht, denn schon wenige Kilometer nach der afghanischen Grenze hielten ihn Taliban auf: „Sie waren sehr nett zu mir. Allerdings auch schwer bewaffnet. Und binnen Sekunden konnte sich die Stimmung verändern und alle wurden aggressiv.“

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Viele Staatsgrenzen konnte der 50-Jährige nur dank Tricks wie einem gefälschten Journalistenausweis überschreiten. „Nach Bhutan durfte ich etwa, weil ich zufällig den Chef des dortigen Tourismusverbands kennen lernte. Er hat in Öster­reich studiert und war mir daru­m wohlgesonnen.“

Um 1993 Nordkorea zu betreten, kämpfte der passionierte Sänger, der stets mit Gitarre im kargen Gepäck reiste, wochenlang um ein Visum. In Form einer Ein-Mann-Reisegruppe konnte er dann endlich ein­reisen. Vor Ort bekam er einen eigenen Führer zur Seite gestellt – der sich allerdings rasch als Aufpasser herausstellte: „Ich durfte mit niemandem sprechen und keinen Schritt unbewacht machen. Schon gar nicht, als wir das Hinterland bereisten und ich die vielen schockierend armen Familien sah.“

Kaisers eigene Familie in Österreich nahm in Form von Postkarten an seiner globalen Mission teil: „Manchmal schrieb ich ihnen wochenlang nicht – etwa, als ich mit dem Einbaum quer durch Papua-Neuguinea paddelte, von Eingeborenen verfolgt wurde und in Erdlöchern zubereitete Kartoffeln aß.“

Nicht nur wegen der seltenen Nachrichten hielt sich die Begeisterung seiner Verwandten über seinen schier endlosen Streifzug in Grenzen: „Ich teilt­e ihnen ständig mit, dass ich in zwei Jahren spätestens wieder zuhause sein würde. Nachdem ich das zum vierten Mal geschrieben hatte, glaubten sie mir endgültig nicht mehr.“ Darum setzte ihm der Jüngste seiner drei Brüder ein Ultimatum: „Er sagte, er würde mir nur noch wenige Monate Reisezeit gönnen. Dann wolle er heiraten und erwarte meinen Besuch. Zum ersten Mal stand ich unter Zeitdruck.“ Nach drei Jahren in Südamerika, zwei Jahren auf diversen tropischen Inseln, fast fünf Jahren in Asien und einigen Monaten in Amerika und Europa, blieb Kaiser nur ein Jahr für ganz Afrika.

Nicht nur darum erwies sich diese Etappe als die schwierigste: „Dort wurde ich mehrfach überfallen, verletzt und erkrankte.“ In Nairobi hackten ihm Diebe eine Machete ins Handgelenk. Und dabei hatte er noch Glück: „Denn laut Polizei hatte die Bande nur Minuten zuvor mehrere Leute erschossen.“

Bis zu diesem Zeitpunkt konnte Kaiser den „Urlaub der Extreme“ durch Gelegenheitsjobs finanzieren, doch in Zentralafrika lag er wegen Hepatitis A im Krankenhaus und war auf die Überweisung seiner Ersparniss­e angewiesen. Außerdem gewöhnte er sich an, seine eigene Nadel ins Hospital mitzu­bringen: „Eine tollpatschige Krankenschwester stach sich mit einer Einwegnadel. Statt sie wegzuwerfen, wischte sie ihr Blut am Bettlaken ab und wollte sie in meinen Arm stechen.“

Nachdem der Globetrotter – in Kilometern gerechnet – siebenmal per Anhalter um die Erde gereist war, Tausende Kilometer von zuhause entfernt vom Tod seines ältesten Bruders erfuhr und nach eigenen Regeln nicht zur Beerdigung heimreisen durfte, erreichte er fünf Tage vor der Hochzeit 1996 endlich Österreich.

Wenige Monate später lernte der eingefleischte Individual­reisende seine heutige Frau kennen und wurde sesshaft. „Ich habe keine Reiseentzugserscheinungen“, grinst Kaiser: „Da ich Reiseleiter bin und weiterhin – in kleinen Dosen und oft in Begleitung meiner Kinder – die Welt erforsche.“


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