Rücktritt ist kein Rückschritt

Ob Rücktritt oder Ruhestand – Nicht nur für eine Königin oder einen Papst ist es schwer, den Job niederzulegen. Dabei kann Loslassen befreiend sein, sagt eine Psychoanalytikerin.

Von Nicole Unger

Innsbruck –Die Zeichen stehen derzeit auf Abschied. Ende Jänner übergab die niederländische Königin Beatrix ihr Amt an ihren Sohn Willem-Alexander, vergangene Woche trat die deutsche Bildungsministerin Annette Schavan wegen der Plagiatsaffäre zurück und am Montag verkündete sogar Papst Benedikt XVI. seinen Rücktritt.

Bestimmt kein leichter Schritt. Der Beschluss, ein Amt niederzulegen, ist ein langer innerer Prozess, der den Betroffenen einiges abverlangt. „Wenn man sich die prominenten Beispiele anschaut, wurden solche Entscheidungen nicht von heute auf morgen gefällt“, sagt Margret Aull, Psychoanalytikerin und Leiterin des Innsbrucker Arbeitskreises für Psychoanalyse. So heißt es, der Pontifex habe ein Jahr lang überlegt, bis er seinen Abschied bekannt gab.

Rücktritt wird in unserer Gesellschaft gerne mit Rückschritt assoziiert. Doch das stimmt nicht, sagt Aull. Ein Rücktritt könne auch ein Schritt nach vorne sein und zu Veränderungen und Neuerungen führen. Und man muss weder Königin sein noch Ministerin oder gar Papst – jeder Einzelne von uns wird spätestens, wenn er in Pension geht, mit dem Thema Rücktritt konfrontiert. Doch Loslassen fällt vielen Menschen nicht ganz so leicht, vor allem jenen, die sich hauptsächlich über ihren Beruf definieren. Heute wichtig, morgen vergessen? Davor haben einige angehende Pensionisten große Angst. Genauso wie in Beziehungen geklammert wird, so klammern sich einige an ihren Job und bleiben trotz fortgeschrittenen Alters am Sessel kleben.

„Ich hasse Sesselkleberei“, sagte die Tiroler Tierschützerin Inge Welzig vor Kurzem im Interview mit der Tiroler Tageszeitung und zeigt, dass es auch anders geht. Welzig plant, mit 70 Jahren etwas leiserzutreten und der nachfolgenden Generation eine Chance zu geben. Genau wie Königin Beatrix, die unabhängig von der persönlichen Fitness zurücktritt, ist Welzig bereit, ihre Aufgaben abzugeben. „Meine großartigen Mitarbeiter leisten ausgezeichnete Arbeit. Sie wollen Verantwortung übernehmen, und das sollen sie auch“, betonte Welzig.

Sich seine persönlichen Grenzen bewusst zu machen, ist für Psychoanalytikerin Aull ein mutiger Schritt: „Es ist wichtig, sich einzugestehen, dass man nicht der Einzige ist, der etwas kann, sondern dass ein anderer womöglich etwas Neues einbringt. Das heißt ja nicht, dass das Alte schlecht war und man ab sofort nicht mehr gebraucht wird“, betont die Expertin. Man könne auch als Pensionist etwas Sinnfindendes machen, aber eben nicht mehr in der alltäglichen Funktion. „Es wäre an der Zeit, sein Wissen in der zweiten Reihe zur Verfügung zu stellen“, so Aull. Das Leben hat viele Facetten, nur gilt es, diese zu entdecken. Ruhestand heißt nicht gleich Stillstand. Doch die Gesellschaft spricht eine harte Sprache und definiert Menschen hauptsächlich über den Erwerbsbereich.

Älteren Menschen wird es dadurch nicht leicht gemacht. „Die mit der Pension verbundenen Ängste werden tabuisiert. Sich einzugestehen, dass man ‚Spundus‘ vor der Rente hat und das Leben nun neu orientieren muss, fällt vielen schwer. Angst und Schwäche passen nicht zu unserem Menschenbild. Wir wollen selbst erfolgreiche Pensionisten sein“, erklärt die Psychoanalytikerin.

Stärke, Souveränität und Effizienz sind gefragt. Diese hohen Ansprüche führen zu einer falschen Werteinschätzung. Vor allem Personen der Öffentlichkeit glauben oft, sie seien nur etwas wert, wenn sie in den Medien vertreten sind, so Aull. Eine Fehleinschätzung. „Tritt man zurück, ist man zwar medial weniger vertreten, aber das heißt noch lange nicht, dass man niemand mehr ist.“

Wie man am Beispiel der deutschen Ministerin Schavan sieht, kann man gerade in politischen Ämtern sehr schnell weg vom Fenster sein, wenn man nicht ganz den Richtlinien entspricht. Hier heißt es dann, Verantwortung zu übernehmen und narzisstisches Denken abzulegen. Stattdessen sollte man hinterfragen: Habe ich die Aufgabe, weil ich die Wichtigste bin oder weil ich in dieser Funktion dienlich bin, erklärt Aull.

Menschen, die vor der Pensionierung oder der Niederlegung einer Funktion stehen, rät Aull, sich die Angst vor Veränderungen durchaus einzugestehen. In Zeiten, in denen man noch im Job ist, sollte man nicht die Augen zumachen und warten, bis der Tag X kommt, sondern sich mit Kollegen vorher austauschen und darüber sprechen. Auch wenn es nicht immer einfach ist: „Rücktritt kann auch frei machen“, sagt Aull. Und jeder Abschied bedeutet Neuanfang.


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