Schützen wollen Rolle in NS-Zeit wissenschaftlich aufarbeiten

Dichtes Programm des Schützenbundes für heuer und die kommenden Jahre.

Von Christoph Mair

Innsbruck – Gleich vier Projekte hat sich der Bund der Tiroler Schützenkompanien für dieses und die kommenden Jahre vorgenommen (siehe Box). Das ambitionierteste von Umfang und Thema her ist wohl das Forschungsprojekt „Die Tiroler Schützen in der NS-Zeit“.

Über drei Jahre will der Historiker Michael Forcher der Frage nachgehen, welche Rolle die Schützen unter dem Hakenkreuz gespielt haben. Bisher sei wenig darüber bekannt. Es existierten zwar viele, oft zu Propagandazwecken gemachte Fotos von Schützen mit Hakenkreuzfahnen zum Hitlergruß erhobenem Arm. „Aber ob unter den Schützen durchschnittlich mehr Parteifunktionäre oder mehr Widerstand gegen das Regime zu finden waren als in der übrigen Bevölkerung, ist wenig bekannt“, sagt Forcher.

Bei den Ergebnissen erwartet sich der Historiker keine Sensationen, sondern „genaues und begründetes Wissen“ darüber, ob das Bild von den Schützen als „willfähriges Instrument der Propaganda“ den Tatsachen entspreche. Forcher hat da Zweifel. Schließlich ließe sich im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes in einem Gendarmeriebericht auch lesen, dass sich eine Kompanie geweigert habe, bei einer Parteiveranstaltung mitzumarschieren. „Vielleicht entdecken wir auch neue Helden und Täter. Ich erwarte mir auch interessante Geschichten und Schicksale“, erklärte der Wissenschafter. Die Ergebnisse der Forschungen, für die auch das Land Tirol Unterstützung zugesagt habe, sollen im Jahr 2015 in Buchform vorliegen.

Die Initiative für die Beleuchtung der Rolle der Schützen in einem dunklen Abschnitt der jüngeren Geschichte ging auch von Landeskommandant Fritz Tiefenthaler aus. Schon als Chronist seiner eigenen Kompanie (Mils bei Hall) habe er Gemeinde und Schützen davon überzeugen können, dass ein echtes Totengedenken am Seelensonntag nur unter Einbeziehung der 1940 in Hartheim ermordeten 63 Insassen des St.-Josephs-Instituts möglich sei. Nach seiner Wahl zum Landeskommandanten habe er den Vorschlag für das Forschungsprojekt eingebracht. „Wir wollen damit ein Zeichen setzen, dass Zukunft nur der hat, der sich mit seiner Vergangenheit beschäftigt.“

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Die Tiroler Schützenkompanien wurden nach dem Anschluss Österreichs 1938 als eigenständige Formationen aufgelöst und in den von Gauleiter Franz Hofer gegründeten Tiroler Standschützenverband bzw. den Reichskriegerbund eingegliedert.


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