„Wir können uns nicht als Jugendlager darstellen“

Streitkräftekommandant Franz Reißner sagt, warum das Bundesheer nicht zur Schule der Nation werden kann, die jungen Männer aber trotzdem mehr zum Erzählen haben sollen.

Herr Generalleutnant, die Volksbefragung hat ein klares Votum für die Wehrpflicht gebracht. Was bedeutet das für die Truppe?

Franz Reißner: Ich war sehr froh über die klare Entscheidung und die hohe Wahlbeteiligung. Das gibt dem Ergebnis eine hohe Legitimität. Ich sehe die Volksbefragung in Verbindung mit der Diskussion davor. Wir haben vom Souverän einen riesengroßen Auftrag für nachhaltige Änderungen bekommen.

Die Regierung hat versprochen, dass im Herbst erste Verbesserungen für Rekruten spürbar sein sollen. Was ist in dieser Zeit möglich?

Reißner: Ich mag dieses Schlagwort vom attraktiven Grundwehrdienst wenig, weil man Gefahr läuft, damit falsche Vorstellungen zu verbinden. Es wurde sehr viel gesprochen über die Befindlichkeiten der Wehrpflichtigen, die wir sehr ernst nehmen. Es ist gesprochen worden über soziale Sicherheit und Katastropheneinsatz. Aber die Kernaufgaben des Bundesheeres wurden weitgehend ausgeblendet. Ich bin fast geneigt zu sagen, dass hier bei Teilen der Bevölkerung und der Meinungsträger ein blinder Fleck da ist, wo die militärischen Kernaufgaben nicht gesehen werden.

Was heißt das für die Reformbemühungen?

Reißner: Das heißt, dass wir die gesetzlichen Aufgaben wahrzunehmen haben im Einklang mit den Interessen der Gesellschaft und den Erwartungen der jungen Männer. Diese Eckpunkte müssen im Einklang stehen. Wir können nicht sagen, wir machen nur noch Tätigkeiten, die die jungen Männer interessieren und zufriedenstellen. Wir können uns nicht als Jugendlager für 18- und 19-Jährige darstellen. Wir wollen diese Männer aber als Kunden sehen. Viele junge Männer aus Mittelschichten gehen jetzt zum Zivildienst. Die wollen wir ansprechen.

Sie haben vorgeschlagen, direkt an den Grundwehrdienst freiwillige Auslandseinsätze anzuschließen.

Reißner: Die Männer hätten dann nicht das Gefühl, wegen eines halben Jahres Dienst ein ganzes Studienjahr zu verlieren. Sie könnten dabei bestes Geld verdienen. Wo sonst gibt es die Möglichkeit, von null auf 100 andere Kulturen zu sehen, Sprachen zu lernen, Mobilität zu zeigen. Wir müssen auch um Frauen werben, um nicht irgendein exotischer Männerverein zu werden – beim Bundesheer gibt es nur zwei Prozent Frauen. Wir brauchen sie aber auch im Ausland für den Kontakt mit der Bevölkerung.

Was wäre mit Wehrpflicht für Frauen?

Reißner: Das ist kein Thema. Die Lebensrealität für Frauen ist immer noch so, dass wir von Gleichstellung weit entfernt sind.

Der Forderungskatalog für den Wehrdienst ist lang, vom Sprachkurs bis zur Staatsbürgerschaftskunde. Ist das in sechs Monaten Wehrdienst möglich?

Reißner: Das sind alles liebe und nette Angebote. Wir können nicht zur Schule der Nation werden und Versäumtes nachholen. Aber wenn es in unsere Spektren passt, werden wir gerne alles tun. Wenn ein Rekrut bei uns lernt, eine Motorsäge zu bedienen, soll er diese zertifizierte Qualifikation auch bei einer zivilen Einsatzorganisation anwenden können.

Was kann dann bis Herbst spürbar sein?

Reißner: Wir haben in Befragungen herausgefunden, dass die Soldaten zu Hause etwas erzählen wollen, über persönliche Erfolge bei militärischen Aufgaben, über Teamleistungen, auch wenn der Einzelne kein „High Performer“ ist. Sie wollen einfach Militär erleben. Aber uns sind Grenzen gesetzt. Das vorhandene Geld bleibt das vorhandene Geld. Und sechs Monate bleiben sechs Monate. Da kann man keine Wunder bewirken.

Was ist dann möglich?

Reißner: Wir sind dabei, massiv die so genannten Systemerhalter zurückzufahren. Wenn Sie mich jetzt fragen, warum uns das nicht früher eingefallen ist, sage ich, dass irgendwann der Anstoß gegeben werden muss. Mit der Volksbefragung hat es auch im Bundesheer einen unglaublichen Schub an Öffnung gegeben. Man merkt im Kollegenkreis, dass man das, was viele Leute schon Jahre gedacht haben, sich jetzt auch zu sagen traut.

Reicht das, um in der Konkurrenz gegen den Zivildienst zu bestehen?

Reißner: Wir haben kein Problem mit der Anzahl. Wir überlegen eher, wie wir es quantitativ verkraften, wenn wir mehr Leute einer militärischen Verwendung zuführen. Die Frage ist aber auch, wie die Leistungen der Systemerhalter wahrgenommen werden. Diese Soldaten leisten trotz relativer Enttäuschung über einfache Arbeiten Hervorragendes und ermöglichen so, dass wir bei nationalen und internationalen Einsätzen erfolgreich sind.

Diese Tätigkeiten zu ersetzen, würde aber Geld kosten, womit wir wieder bei den knappen Mitteln wären.

Reißner: Auf Teile der Aufgaben kann man verzichten. Auf andere Teile kann man aber nicht verzichten. Das müssen wir auslagern an andere Dienstleister. Oder wir müssen Zusammenrücken, indem wir Kleingarnisonen und andere Liegenschaften aufgeben.

Das Gespräch führte Wolfgang Sablatnig.


Kommentieren


Schlagworte