Und sie werden Teil davon

Abkürzungen über Bahnanlagen reduzieren meist nur eines: die Lebenszeit. Aber sie können auch die Menschen im Führerstand einer Lok völlig aus den Geleisen werfen.

Von Michaela Spirk-Paulmichl

Innsbruck –Bei einer Geschwindigkeit von 160 Stundenkilometern benötigt ein Personenzug etwa 800 Meter, um zum Stillstand zu kommen. Ein Güterzug sogar bis zu einem Kilometer. Anders als beim Pkw gibt es kein „Fahren auf Sicht“ und natürlich auch kein Ausweichen. Sieht der Lokführer Personen auf die Geleise vor ihm zugehen, bleibt ihm eigentlich nur eine Möglichkeit: „Signal Achtung“ geben – und auf eine entsprechende, möglichst rasche Reaktion hoffen. Er wird außerdem eine Schnellbremsung vornehmen, doch die allein wird niemanden mehr retten können.

Wurde das Pfeifsignal überhört, beginnt für den Lokführer ein „sehr einsamen Weg“, wie Karl Riedl von den ÖBB sagt: Denn wenn der Zug schließlich angehalten hat, heißt es aussteigen und nachschauen, womöglich bei Nacht und Nebel Hunderte Meter zurückgehen. Die Fahrgäste bekommen davon meistens nur wenig mit, per Lautsprecher heißt es in solchen Fällen: „Wegen eines Polizeieinsatzes kommt es zu Verzögerungen.“ Oder auch: „Die Strecke wurde behördlich gesperrt.“ Nur sehr selten wird nach einem Arzt im Zug gefragt werden. Laut ÖBB-Pressesprecher Rene Zumtobel überleben 99 Prozent ein „unerlaubtes Überqueren der Geleise“ nicht, wie es im ÖBB-Jargon heißt. Im vergangenen Jahr starben in Österreich 13 Menschen, davon zwei in Tirol. Die ÖBB starteten bereits mehrere Kampagnen, die vor allem an Jugendliche gerichtet sind – die größte Risikogruppe.

Unfälle wie diese und Suizide stürzen die betroffenen Lokomotivführer, die das Unglück auf sich zukommen sehen, aber nur sehr wenig unternehmen können, häufig in eine schwere Krise. „Sie kommen unschuldig in eine Situation, mit der sie nichts zu tun haben – und doch werden sie Teil davon“, wie Zumtobel meint. Um ihnen zu helfen, wurde vor 15 Jahren das Notfallinterventionsteam der ÖBB ins Leben gerufen. Heute kümmern sich österreichweit 80 Mitarbeiter – in Tirol sind es fünf – um ihre Kollegen in Not. Einer von ihnen ist Karl Riedl, der selbst einmal als Lokführer das große Glück hatte, einen Zusammenstoß in letzter Sekunde verhindern zu können: „Ein Jugendlicher, der über die Geleise springen wollte, um einen Regionalzug zu erwischen, ließ sich noch rechtzeitig nach hinten fallen.“ Der Schüler hatte das Pfeifsignal, das Riedl abgab, gehört.

„Ich kann nur immer wieder sagen, auch im Sinne der Angehörigen: Nehmt die Unter- oder Überführungen, nicht Abkürzungen die letztendlich das Leben verkürzen“, mahnt Rene Zumtobel alle, die leichtsinnig ihr Leben aufs Spiel setzen. „Leider glauben viele aber, das geht sich leicht aus. Und dass sie die Züge ohnehin sehen. Sie unterschätzen die Geschwindigkeit.“ Weil manche Fahrzeuge inzwischen sehr leise unterwegs seien, könne man auch nicht darauf vertrauen, sie rechtzeitig zu hören.

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Lokführer, die nach einem Zusammenstoß unter Schock stehen, werden noch vor Ort durch das Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes betreut. Danach beginnt die Aufarbeitung von Kollege zu Kollege, Betroffene werden vorübergehend vom Dienst abgelöst. Riedl: „Es ist eine große Hilfe, mit jemandem aus dem beruflichen Umfeld reden zu können.“ Reichen die Gespräche nicht aus, bekommen die Betroffenen professionelle psychologische Unterstützung. Trotzdem komme es immer wieder vor, dass Kollegen ihren Beruf aufgeben. Ein Lokführer wurde fünfmal in einen Zusammenstoß verwickelt. „Sie alle tragen psychische Verletzungen davon.“

Zumtobel: „Die Gleisanlage ist wie eine Autobahn. Ist die Strecke frei, fährt der Zug mit hoher Geschwindigkeit. Doch niemand kommt auf die Idee, über die Autobahn zu rennen, um einen Weg abzukürzen.“


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