Ein Edler, dem Schmutzigen zugetan

Luxuriös und voluminös ist der Range Rover der neuesten Generation – und vor allem generös, wenn es um das Anwenden seiner Fähigkeiten geht. Die schließen Drecksarbeit mit ein.

Von Markus Höscheler

Innsbruck –Sich nobel durch tiefen Schlamm fortbewegen, sich aufrecht durch lockeren Sand quälen, sich erhaben eine Spur durch dichten Schneematsch bahnen – der neue Range Rover mutet an wie eine Zweckentfremdung auf vier 20-Zoll-Rädern. Auf der einen Seite locken großzügige Raummaße für Lenker, Beifahrer und Fondpassagiere, auf der anderen Seite bietet das Fünf-Meter-Gefährt das mehrere Geländeprogramme enthaltende Allradsystem Terrain Response an, gegen geringen Aufpreis sogar mit automatisierter Umgebungserkennung. Hier laden Premium-Oxford-Ledersitze zum Daueraufenthalt ein, vorne sogar mit 14-fach elektrisch verstellbarem Gestühl inklusive Klimatisierungsfunktion und optionaler Massage. Dort kann sich der Geländewagen einer Wattiefe von 900 Millimetern rühmen, die das Queren scheinbar nicht zu überwindender Flusshindernisse ermöglichen.

Einerseits finden wir im Range Rover adaptive Bi-Xenon-Scheinwerfer, ein voll verglastes Panoramaschiebedach, einen Toten-Winkel-Warner und einen Abstandsregeltempomaten. Andererseits kann das Fahrzeug mit Rampenwinkeln von 28,3 Grad und Böschungswinkel von 29,6 (hinten) bis 34,7 Grad (vorne) umgehen, eine elektronische Bergabfahr­hilfe zu Rate ziehen und das Niveau vierfach regulieren.

Der Offroader beherbergt Gegensätze wie kein anderes Auto. Selbst bei miesesten Fahrbedingungen können sich die Range-Rover-Insassen über edle Materialien, Sicherheitstechnik und Komfort freuen. Die serienmäßig installierte Luftfederung Adaptive Dynamics bändigt Unebenheiten, die ab Werk verbaute Achtstufenautomatik befreit den Fahrer von lästiger Schaltarbeit und die Wank­neigungskontrolle nimmt jedem die Angst vor scharfen Kurven. Die müssten für gewöhnlich der natürliche Feind eines jeden hoch­bauenden Geländewagens mit hohem Schwerpunkt sein. Nicht so beim Range Rover, den die Techniker gegenüber dem Vorgänger dank weitverbreiteten Aluminium-Einsatzes zu einer Gewichtseinbuße von bis zu 420 Kilogramm zwangen.

Die Diät schlägt sich vor allem beim „Einstiegsmodell“ nieder, dem 3,0 TDV6. Der zeigt mit seinem kraftvollen Drehmomentmaximum von 600 Newtonmetern und einer Leistung von 258 PS nicht nur, dass ein Sechszylinder-Turbodiesel mehr als ausreichend ist, um einen 2,2-Tonner in Bewegung zu versetzen. Er überzeugt auch mit einem sorgsamen Umgang mit wertvollen fossilen Energieträgern. Im TT-Test benötigte der Ölbrenner durchschnittlich 8,6 Liter je 100 Kilometer Treibstoff, lediglich 1,1 Liter über dem Normwert. Das Verhalten beim Kraftstoffverbrauch ist die einzige Verzichtsleistung, die uns beim Luxuswagen aufgefallen ist. Ansonsten kommt er zugkräftig in die Gänge, hat nach nicht einmal acht Sekunden vom Stand aus die digitale Tachonadel dazu genötigt, Tempo 100 km/h anzuzeigen.

Wer dennoch Analoges einfordert, verlangt am besten nach der Preis- und Ausstattungsliste. Diese weist den Range Rover zu einem Basispreis von 102.000 Euro aus, die Vogue-Ausstattungslinie ist weitere 11.000 Euro wert. Die hebt sich vom Einstiegsmodell unter anderem mit einem beheizbaren Lederlenk­rad und den zuvor erwähnten Oxford-Ledersitzen ab. Optionen wie Glasverdunkelung, Einparkassistent, Dual-View-Touchscreen, elektrisch auffahrbare Anhängerkupplung und Echtholzfurniere in Shado­w Walnut lassen den Wert auf 129.517 Euro anschwellen. Dafür gibt es jede Menge Luxus, der sich für die wahre Drecksarbeit nicht zu schade ist.


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