Pleiten, Bugs und Aliens - Ein unwürdiger Nachfolger

Ein grober Schnitzer: Mit „Aliens: Colonial Marines“ liefert Gearbox Software ein Spiel ab, das nicht nur kein würdiger Nachfolger für die Filmreihe ist, sondern den aktuellen technischen Standards um Jahre hinterherhinkt.

Von Lukas Schwitzer

Innsbruck - Irgendetwas ist schiefgelaufen. Mit „Aliens: Colonial Marines“ leistet sich das Studio Gearbox Software – erfolgreich mit den „Brothers in Arms“- und „Borderlands“-Reihen – nach „Duke Nukem Forever“ den nächsten groben Schnitzer. Welche Entwicklungen dazu geführt haben, dass das Spiel in diesem Zustand auf den Markt kam, ist noch unklar, sicher ist nur eines: Das hätte so nicht passieren dürfen.

Wo sind Story und Atmosphäre?

„Aliens: Colonial Marines“ - das Spiel will eine Fortsetzung der erfolgreichen „Alien“-Filmreihe sein - kämpft mit zahlreichen Problemen. Das beginnt schon mit der grundlegenden Struktur des Spiels. Als Marine Winter kämpft man sich erst durch die dunklen Gänge des Raumschiffs „USS Sulaco“ und schließlich durch die Umgebung der Kolonie „Hadley‘s Hope“, beide aus der Filmreihe bekannt. Dabei begibt man sich auf die Suche nach verschollenen Soldaten und findet wenig überraschend heraus, dass Schiff und Kolonie von den namensgebenden Aliens – in der Serie „Xenomorphs“ genannt – überrannt sind. Über die nächsten Stunden schießt man sich durch immer gleichbleibende düstere Korridore und bekämpft wahre Horden von Aliens, zu denen sich hie und da auch Soldaten der „bösen“ Weyland-Yutani Corporation gesellen.

Dass der Ablauf des Spiels völlig linear ist, kann verziehen werden, die nicht-existente Story und die völlig undramatische Inszenierung hingegen schmerzen vor allem Fans der Filme. Die Motivation, mit der man man sich durch die Alien-Massen kämpft, bleibt bis zuletzt unklar, der Satz „Wir lassen keinen Marine zurück“ - im Verlauf des Spiels mindestens zehnmal geäußert – soll scheinbar als Begründung selbst für riskanteste Selbstmordkommandos genügen. Dazu kommt noch, dass jene Soldaten, für die man sein Leben riskieren soll, nicht nur völlig gesichts- und charakterlos bleiben, sondern besonders in der deutschen Synchronisation so klingen, als wären sie von wahllos auf der Straße angesprochenen Passanten vertont worden.

Das Spiel verlässt sich massiv auf die Atmosphäre der Angst vor dem Unbekannten, von der die Filme geprägt sind. Das Problem hierbei: Bereits in der ersten Spielstunde werfen sich dem Spieler Dutzende Aliens als Kanonenfutter vor die Flinte, jegliches Gänsehaut-Gefühl verfliegt sofort. Hinzu kommt, dass die Xenomorphs durch ihre staksigen Animationen und ihre Tendenz, Winter auf zwei fast unbeweglichen Beinen entgegenzulaufen, in etwa so furchteinflößend wirken wie ein 80-jähriger Hüftpatient.

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Technische Standards gekonnt unterboten

Generell hinkt „Aliens: Colonial Marines“ dem aktuellen technischen Standard um Jahre hinterher. Die Grafik ist veraltet und wirft gerade im direkten Vergleich zur Demo, die im Herbst 2012 erschien (siehe Video), Fragen zu den Entwicklungsabläufen auf. Selbst auf leistungsfähigeren PCs kann die Grafik-Leistung nicht nach oben geschraubt werden. Die Vertonung wäre eher einem billigen B-Movie würdig und die künstliche Intelligenz von Mitstreitern und Gegnern lässt den Spieler immer wieder fast verzweifeln. Winters Begleiter versuchen hartnäckig, Gegner durch Wände hindurch zu treffen und betreten gelegentlich Räume mittels – nicht vorgesehener - Teleportation. In manchen größeren Arealen ist es (zumindest auf niedrigeren Schwierigkeitsstufen) sogar möglich, den Gegnerhorden zu entgehen, indem man diese schlicht ignoriert und sich auf den Weg zum nächsten der sporadisch verteilten Checkpoints macht. Zudem ist das Spiel nicht nur von Alien- sondern auch von Computer-Bugs verseucht.

Über die Gründe für die vielen Probleme wird derzeit noch spekuliert. So soll Gearbox einen großen Teil des Spiels an Timegate Studios delegiert haben, während das Hauptstudio selbst an der Fertigstellung von „Borderlands 2“ arbeitete. Daher geht nun vielfach das Gerücht um, Timegate habe das Spiel in den Sand gesetzt, ein ehemaliger Mitarbeiter von Timegate wiederum erklärte, man habe nur auf ausdrückliche Anweisung von Gearbox programmiert. Der Vergleich mit der Demo legt zudem nahe, dass entweder das Spiel falsch beworben wurde oder in den letzten paar Monaten auf eine andere Grafik-Engine umgestellt werden musste. Beide Möglichkeiten werfen jedenfalls ein schlechtes Bild auf Entwickler Gearbox und Publisher Sega. Die Gründe für das Versagen dürften vielfältig sein.

Fazit

„Aliens: Colonial Marines“ ist frustrierend. Nicht, weil es schwer oder unfair ist, sondern weil es auf so vielen Ebenen nicht funktioniert. Wer nur einen Shooter will, in dem in schlecht beleuchteten Gängen auf mehr oder weniger bewegliche Ziele geschossen wird, kommt auf seine Kosten. Sonst macht das Spiel nur im einigermaßen gut umgesetzten Koop-Modus (bis zu vier Spieler) Spaß.

Wer eine der „Alien“-Reihe würdige oder auch nur treue Story erwartet, wird enttäuscht. Das Gefühl, das Fans der „Alien-Filme“ im Einzelspieler-Modus überkommt, kann am besten mit einem Dialog aus dem Spiel selbst beschrieben werden: „Warum tun sie das? Das macht doch keinen Sinn. – „Nein, macht es nicht.“ Genau.

Unsere Bewertung: 4/10

Entwickler: Gearbox Software

Publisher: Sega

„Aliens: Colonial Marines“ ist seit 12. Februar für Windows (benötigt Steam), Xbox 360 und PlayStation 3 erhältlich. Eine WiiU-Version soll noch im ersten Quartal erscheinen.


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