Geiler Rossini-Graf singt De Gaulle an die Wand

„Le Comte Ory“ entpuppt sich im Theater an der Wien als erfreulicher Rossini-Spaß, samt schöner Sängerinnen-Entdeckung.

Von Stefan Musil

Wien –Rossini hat gerade Hochsaison an Wiens Opernhäuser. Wenige Wochen nach der enttäuschenden Staatsopern-„Cenerentola“ zog das Theater an der Wien mit Rossini nach. Dabei setzte man auf Nummer sicher und holte sich aus Zürich die Produktion von „Le Comte Ory“. Ein kluger Schachzug, der den Wienern einen höchst erfreulichen Rossini-Abend beschert.

Dabei handelt es sich bei dieser Oper zu einem guten Teil um eine geniale Resteverwertung. Denn zahlreiche Einfälle Rossinis aus „Il Viaggio a Reims“, 1825 aus Anlass der Krönung von Frankreichs Karl X. komponiert, finden sich drei Jahre später im „Comte Ory“ wieder. Womit die wunderbaren Ideen des aufwändigen Anlasswerkes für den regulären Opernspielplan gesichert waren.

Von Eugene Scribe stammt die Handlung dazu. Sie spielt in einer kleinen französischen Stadt zur Zeit der Kreuzzüge. Die Frauen der sich Richtung Jerusalem vorkämpfenden Herren sitzen alleine und sexuell vernachlässigt in ihrem kleinen Städtchen. Das wollen der Libertin Comte Ory und ein paar andere zurückgebliebene Herren ausnützen. Also versuchen sie sich mit allerlei unlauteren Mitteln als Seelentröster. Zunächst gibt sich der wilde Graf als Eremit aus, später dann dringen die Männer als Pilger-Nonnen verkleidet in das Schloss von Comtesse Adèle vor, in dem sich die Frauen vor der geilen Truppe verstecken. Das Regie-Duo Moshe Leiser und Patrice Caurier hat das Ganze in die prüden 1960er-Jahre verlegt, in die Zeit als viele Franzosen im Algerienkrieg kämpften. Eine Idee, die blendend aufgeht. Comte Ory ist nun ein blinder Wanderprediger, der in seinem mit Leopardenfell-Liegelandschaft ausstaffierten Wohnwagen den bigotten Bürgersfrauen zeigt, wo Gott tatsächlich wohnt. Während er in der Nonnentracht dann letztlich scheitert, die Comtesse Adèle zu erobern. Leiser und Caurier organisieren dieses absurde Hormongewitter mit Witz und Tempo im köstlich ironischen Spießer-Dekor von Christian Fenouillat. Bis am Ende dann die tapferen Kämpfer aus Algerien heimkehren und sogleich, trotz Kreuz und Charles-de-Gaulle-Porträt an der Blumentapetenwand, über ihre Frauen herfallen.

Ein Premierenerfolg, der trotz Widrigkeiten gelang. Denn Cecilia Bartoli fiel grippebedingt als Adèle aus. Der kurzfristig gefundene Ersatz, die junge Pretty Yende aus Südafrika, entpuppte sich als Glück für den Abend. Mit schön silbrigem Sopran, mit guter Höhe, großer Geläufigkeit und entzückendem Spiel gelang es ihr schnell, die Bartoli-Absage vergessen zu machen, was mit Riesenjubel gedankt wurde. Auch der sie bedrängende Comte Ory war mit dem Rossini-geeichten Tenor Lawrence Brownlee bestens besetzt. Als burschikoser Page Isolier überzeugte Regula Mühlemann ebenso wie Liliana Nikiteanu als skurril verklemmte Ragonde oder Pietro Spagnoli als des Grafen Freund Raimbaud sowie die in kleineren Rollen eingesetzten Mitglieder des „jungen Ensembles des Theaters an der Wien“ und der Arnold Schoenberg Chor. Vor allem viel Feinarbeit im Detail hatte Dirigent Jean-Chris­tophe Spinosi am Pult des nicht restlos überzeugenden Originalklang-Ensembles Matheus investiert. Womit einem prächtigen Rossini-Erfolg nichts im Wege stand.


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