Statisten und ein vermauertes Herz

Erinnerungskultur in einem Operetten-Staat: Robert Schindel lässt in seinem neuen Roman „Der Kalte“ auf dem Höhepunkt der „Waldheim-Affäre“ einen KZ-Überlebenden auf einen Lageraufseher treffen.

Von Joachim Leitner

Innsbruck –Die ganze Welt sei Bühne, heißt es in Shakes­pears „Wie es euch gefällt“. Und obwohl in Robert Schindels neuem, lang erwarteten zweiten Roman „Der Kalte“, der dieser Tage erscheint, der „MacBeth“ geprobt wird, kommt einem dieses wohl schon etwas abgenudelte Zitat ganz unweigerlich in den Sinn, denn Schindel versucht beständig, hinter die Bühne, hinter die prächtigen Kulissen und die großangelegten (Selbst-)Inszenierungen zu blicken.

Obwohl: Eigentlich müsste man Shakespears geflügeltes Wort für Schindels Roman etwas variieren. Schließlich spielt „Der Kalte“ in Wien und in Wien ist die Welt nicht nur Bühne, sie ist Kaffeehaus. Das mag ein Klischee sein, aber Schindel beharrt darauf und lässt große Teile seines Textes in den Bars und Beisln, beim Heurigen und in zahllosen anderen hinlänglich bekannten Wiener Gaststätten spielen. Überhaupt scheint dem Autor die Topografie der Stadt, in der er selbst seit frühester Jugend lebt, wichtig zu sein. Er lässt seine Figuren unzählige Kilometer machen und protokolliert Gassen, Straßen, Durchgänge und Passagen mit der Pedanterie eines Erbsenzählers. Mitunter droht diese Liebe zur ausformulierten Kartographie, vom eigentlichen Kern der Erzählung abzulenken.

Aber der Reihe nach: „Der Kalte“ spielt, wie schon Schindels gefeiertes Romandebüt „Gebürtig“ (1992), in den Jahren der so genannten „Waldheim-Affäre“ und erhebt den Anspruch, ein Zeitpanorama zu sein. Unzählige Figuren treten auf, viele basieren nur notdürftig maskiert auf realen Vorbildern. Schindels Bundespräsident, der von 1938 bis 1945 lediglich pflichtbewusst zugeschaut und danach viel Gesehenes vergessen haben will, heißt nicht Waldheim, sondern Wais, der volksnah zeternde Wiener Bürgermeister nicht Zilk, sondern Purr und an „der Burg“ regiert ein gewisser Schönn, der in Wirklichkeit natürlich Peymann hieß. Besagtem Schönn gelingt mit dem Skandalstück „Der Balkon“ (die Anlehnung an Thomas Bernhards „Heldenplatz“ ist offensichtlich) ein Theatercoup. Und auf einem Parteitag in Innsbruck geht für die Ewiggestrigen des dritten Lagers dank eines deutschnationalen Schreihalses namens Toplitzer die Sonne auf – um, aber das ist in der Roman-Welt freilich Zukunftsmusik, 2008 nach durchzechter Nacht als Jörg Haider vom Himmel zu fallen.

Robert Schindel hat also einen Schlüsselroman geschrieben. Auf den ersten Blick jedenfalls. Denn eine der Prämissen der Gattung, dass nämlich etwas Unerhörtes, etwas Neues verhandelt wird, erfüllt „Der Kalte“ nicht. So kurzweilig Schindels Schilderungen des politischen Ränkespiels, seine Beschreibung eines geschichtsvergessenen Operetten-Staats und der beißende (und wohl nicht ganz unbegründete) Spott über Meinungsmacher und Medienprofis auch sein mag, Neuigkeiten über die Zeit, die zu Recht als Zäsur in Sachen Geschichtsaufarbeitung in Österreich gilt, erfährt man nicht.

TT-ePaper gratis testen und 5 x 1.000 € Geburtstagsgeld gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Jetzt testen
TT ePaperTT ePaper

Aber dieser Aspekt des Textes, der schon vor der Veröffentlichung des Romans die Erwartungshaltung in die Höhe trieb, bildet im Grunde nur den Hintergrund für eine ganz andere Geschichte, die sich erst nach und nach aus den unzähligen aus verschiedenen Perspektiven erzählten Episoden und Episödchen herausschält. Das Zentrum dieser Geschichte ist Edmund Fraul (der titelgebende Kalte), ein kommunistischer Spanienkämpfer und Auschwitz-Überlebender, den seine Erfahrungen zum emotionalen Krüppel gemacht haben und der trotzdem beständig als Zeitzeuge in Büchern und bei Vorträgen vor einem Rückfall in die Barbarei warnt. In einem Gasthaus (wo sonst?) trifft er auf den ehemaligen KZ-Aufseher Wilhelm Rosinger. Und in langen Gesprächen, bei Spaziergängen und Schachpartien erzählen sie sich gegenseitig vom Schrecken, den sie gesehen und von den Taten, die sie begangen haben. Am Ende bricht sich in Fraul – zunächst widerwillig – die Einsicht bahn, dass er „nicht ewig hassen“ mag und selbst seinem Sohn, einem aufstrebenden Burgtheatermimen, dem der Zugang zum bislang vermauerten Herz des Vaters verwehrt blieb, kommt Fraul am Sterbebett näher.

Wie schon „Gebürtig“ verhandelt auch „Der Kalte“ Schindels großes Lebensthema. Es geht um den Umgang mit der Vergangenheit, um Erinnerungskultur also. Aber Schindels neuer Roman – einen dritten, der den Titel „Die Vorläufigen“ tragen soll, hat der Autor bereits angekündigt – schlägt einen versöhnlicheren Ton an. Leider läuft die feinsinnig inszenierte Fabel, das irritierend respektvolle Treffen von Opfer und Täter, die erkennen, dass sie in ihrem Schicksal zusammengehören, immer wieder Gefahr, in den süffig hingerotzten Schickeria-Passagen unterzugehen. Es ist gerade der Anspruch auf Vollständigkeit, die Fülle an Aspekten, Figuren und Positionen, die Schindel in seinen Roman packt, die den Kern seiner Erzählung immer wieder bedrohen. Die ganze Welt mag also Bühne sein, aber auf der, die Robert Schindel mit „Der Kalte“ entworfen hat, stehen gelegentlich einfach zu viele wichtigtuerische Statisten herum.


Kommentieren


Schlagworte