Morgenstern: „Ich wollte mein System neu ordnen“

Nach 38 Tagen Auszeit kehrt Skisprung-Olympiasieger Thomas Morgenstern morgen im WM-Ort zum ÖSV-Team zurück. Zuvor brach der 26-Jährige sein Schweigen und erklärte, warum er völlig untergetaucht war.

Seeboden/Innsbruck –Seit dem 13. Jänner war es still um Skisprung-Ass Thomas Morgenstern geworden. Nach dem 27. Platz tags zuvor in Wisla (POL) war nur noch zu lesen, dass der erfolgreichste Medaillengewinner (13) der ÖSV-Adler eine Auszeit nimmt, was für den zweifachen Gesamtweltcupsieger untypisch ist. Nun kehrt der Normalschanzen-Weltmeister zurück, reist morgen zur WM nach Val di Fiemme (ITA), um seinen Titel zu verteidigen. Warum er pausierte, wie er seine Chancen sieht und wer ihn zuletzt zum Lachen brachte.

Wie geht es Ihnen nach Ihrer Auszeit?

Thomas Morgenstern: Gut, danke. Ich freue mich auf die Herausforderung WM.

Sie haben sich über einen Monat völlig zurückgezogen, bis vor Kurzem keine Twitter-Meldungen und nichts auf Ihrer Homepage verlauten lassen. Warum?

Morgenstern: Es ist sportlich nicht nach Wunsch gelaufen und ich bin im Dezember Vater geworden. Das war eine sehr intensive Phase für mich. Ich wollte mir die Zeit nehmen, um mein System neu zu ordnen.

Was bedeutet, das System neu zu ordnen?

Morgenstern: Das System von Körper und Technik hat nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe. Daran haben wir in den letzten Wochen gearbeitet.

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Was haben Sie getan?

Morgenstern: Nach zehn Tagen Pause habe ich meine ersten Sprünge in Planica absolviert und seither einige auf Normal- und Großschanzen, unter anderem in Planica und Kranj, absolviert. Nebenbei habe ich kontinuierlich meinen Fokus auf Koordination, Beweglichkeit, Kraft und Regeneration gelegt.

Fühlen Sie sich nach Ihrer Auszeit wieder stark genug für einen guten Wettkampf?

Morgenstern: Ja, das Training war gut und ich bin motiviert. Ich habe mich bestmöglich für die WM vorbereitet, den Rest wird man sehen.

Pilotenschein, Autorennen – eigentlich waren Sie auch im Sommer immer unter Strom. Müssen Sie sich eingestehen, sich übernommen zu haben?

Morgenstern: Nein, im Gegenteil. Ich habe mir Zeit für mich und meine Hobbys genommen. Das ist wichtig zum Abschalten und Kräftesammeln.

Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus Ihrer Pause?

Morgenstern: Ich habe gelernt ,Nein‘ zu sagen und auf mein Gefühl zu hören. Das ist wichtig! Ehrgeiz ist in unserem Sport unbedingt nötig, aber manchmal muss man einen Schritt zurücktreten, um wieder weiter nach vorn zu kommen.

Sie haben zusammen mit Ihrem Stützpunktcoach Heinz Kuttin trainiert, sich aber nie im Wettkampf gemessen. Werden Sie bei der WM konkurrenzfähig sein?

Morgenstern: Wir haben in den letzten Wochen in Ruhe an meinem System gearbeitet. Da waren viele gute Dinge dabei. Alles Weitere muss man abwarten.

Was haben Sie sich für die WM vorgenommen?

Morgenstern: Mein Bestes zu geben. Ich hatte als Titelverteidiger die Chance, mich in Ruhe optimal vorzubereiten. Mehr kann ich nicht tun. Ich zähle mich nicht zu den Top-Favoriten, aber das Ziel bei einer WM muss immer eine Medaille sein.

Können Sie dem Team helfen, auch im Mannschaftsspringen wieder mit vorne dabei zu sein?

Morgenstern: Auf der Normalschanze bin ich fix nominiert, die Entscheidung für die Großschanze ist noch nicht gefallen. Wir alle werden unser Bestes geben, um Gold nach Österreich zu holen.

Wie ist das Gefühl, nach einer für Sie so ungewöhnlichen Pause wieder zum Team zurückzukehren?

Morgenstern: Gut. Ich freue mich auf eine spannende gemeinsame WM.

Haben sich Ihre Teamkollegen erkundigt, wie es Ihnen geht?

Morgenstern: Ich hatte über unsere Trainer Kontakt zum Team. In den letzten Wochen hat sich aber jeder auf seine Vorbereitung konzentriert.

Haben Sie die Wettkämpfe von zuhause verfolgt oder sie ganz gemieden?

Morgenstern: Ich habe mir alle im Fernsehen angesehen und meinen Kollegen die Daumen gedrückt.

Wie wichtig war Ihre Tochter Lilly, die am 26. Dezember das Licht der Welt erblickte, für Sie in dieser Zeit?

Morgenstern: Sehr wichtig! Die Geburt von Lilly war der schönste Moment und der größte Sieg in meinem Leben.

Vier Wochen daheim mit einem Baby, was hat Sie dabei am meisten geprägt?

Morgenstern: Die Zeit hat mich noch mehr geerdet. Skispringen ist für mich eine Leidenschaft, aber es gibt auch ein Leben abseits der Schanze. Das ist gut so!

Welches Ereignis mit Lilly hat Sie in dieser Zeit so richtig zum Lachen gebracht?

Morgenstern: Sie bringt mich jeden Tag aufs Neue zum Lachen.

Wie ist es nach vier Wochen, wieder fast zwei Wochen ohne Tochter zu sein?

Morgenstern: Ich werde sie vermissen, aber das gehört zu meinem Beruf dazu.

Die Fragen stellte Susann Frank


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