Von Schutzgeistern und Zaubertränken

Ein Volk im Benin hat sich seine ursprüngliche Lebensweise bis aufs Nacktsein bewahrt. Gäste sind willkommen, müssen sich im westafrikanischen Land aber auf Überraschungen gefasst machen.

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Von Laura Salm-Reifferscheidt

Porto Novo –Zwischen kinnhohem Elefantengras und gigantischen Baobabbäumen entdecke ich auf der Fahrt über staubige Straßen immer wieder Miniaturburgen aus rotem Lehm. Diese so genannten Tata Somba sind typisch für die Region um die Stadt Natitingou im Nordwesten Benins. Hier wohnt das Volk der Somba.

Als wir nach einer Stunde in dem Ort mit dem klingenden Namen Koussoukouangou ankommen, klebt an uns eine dicke Schicht roter Staub wie der Puderzucker an Osterlämmern. Doch unser Führer Philippe erwartet uns bereits; Waschen wird auf später verschoben. Philippes Gesicht ist mit einem feinen Narbenmuster bedeckt – ein Erkennungsmal der Somba. „Mit sieben Jahren wurde ich zu einer Frau gebracht, die mir die Schnitte ins Gesicht geritzt hat“, erklärt der 34-Jährige und gibt zu: „Ich habe ganz schön geweint.“ Ein ähnliches Muster wie sein Gesicht ziert auch die Außenwände der Lehmburg seiner Familie.

Die Architektur der Somba-Behausungen ist ausgeklügelt: Im unteren Stock wird gekocht und das Vieh gehalten. Über eine hölzerne Steigleiter erreicht man das obere Stockwerk, eine Dachterrasse mit drei oder vier kleinen mit Stroh bedeckten Türmen, die wie Pizzaöfen aussehen. Diese dienen als Schlafkammern oder als Kornspeicher. Durch kleine Löcher in den dicken Außenmauern konnten die Somba ihre Feinde mit Pfeilen beschießen. Die offene Terrasse bot Platz für das schwerere Geschütz. Diese besondere Bauweise diente vor allem im 18. Jahrhundert als Schutz gegen die Sklavenhändler aus dem Königreich Dahomey, dem heutigen Benin. Dabei half auch die Isolation eines jeden Tata Somba. Denn die Distanz zwischen den Bauten beträgt immer mindestens einen Pfeilwurf.

Zwar werden die Somba – was so viel wie „nackt“ bedeutet – ihrem Namen nicht mehr ganz gerecht. Sie haben Lendenschurz und Penisköcher gegen Hemd und Hose getauscht. Doch ansonsten sind sie, weitgehend von äußeren Einflüssen verschont, ihrer traditionellen Lebensweise und ihrem animistischen Glauben treu geblieben.

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Vor dem Eingang von Philippes Tata Somba stehen mehrere phallusartige Gebilde aus Lehm, behangen mit Totenschädel, Knochen und Federn. Es sind Schreine für Geister, welche die Bewohner beschützen sollen. Um die Geister bei Laune zu halten, opfert man zu ihren Füßen so manches Tier – Kadaver von Hühnern und Ziegen schmücken die furchteinflößenden Gebilde.

Als wir weiterlaufen, zeigt unser Führer auf ein paar Hunde, die es sich im Eingang einer Hütte gemütlich gemacht haben. „Das waren einmal Jagdhunde“, sagt er. Auch hier spielt der Glaube an das Übernatürliche eine wichtige Rolle. „Die Hunde bekommen von den Jägern einen speziellen Zaubertrank verabreicht, damit sie im Dunkeln besser sehen können“, erklärt Philippe überzeugt.

„Diese Hunde hier sind aber zu alt für die Jagd, sie passen jetzt auf das Haus auf.“ Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Später werden sie dann gegessen.“ So, als ob das ganz selbstverständlich wäre.

Nach dem Rundgang zu den verschiedenen Tata Somba steigen wir wieder in unser Taxi und fahren in das vierzig Minuten entfernte Boukoumbé an der Grenze zu Togo. Es ist Markttag. Von Mangos über Badelatschen bis hin zu Reis, Nudeln und Stammesschmuck gibt es hier alles.

Im Zentrum des Geschehens steht eine Gruppe von Frauen, die um einen Baum am Boden hocken. Mit kleinen Kalebassen schöpfen sie ein trübes, faulig riechendes Getränk aus großen Plastikeimern. Sie verkaufen Choucachou, warmes Hirsebier. Um sie herum drängt sich eine Menschentraube. Die Stimmung ist ausgelassen, die Menge, trotz der Hitze, trinkfreudig und rauschig. Irgendwer drückt auch mir eine Schale Bier in die Hand. Das Gelächter ist groß, als ich nach dem ersten Schluck des säuerlichen Gebräus meinen Mund verziehe.

Beladen mit Früchten, Tontöpfen und Holzmasken fahren wir zurück nach Koussoukouangou. Dort angekommen, können wir uns endlich die rote Erde abwaschen. Dafür räumt Philippes Familie den Hof ihrer Lehmburg. In einem Eck steht eine Schüssel mit Wasser und Seife bereit. Fließendes Wasser gibt es hier noch nicht.

Nach unserer Katzenwäsche führt uns Philippe auf einen Hügel. Der Ausblick spektakulär. Die untergehende Sonne wirft das letzte Licht auf eine tief unten gelegene grüne Ebene, die sich bis über die Grenze zu Togo erstreckt. Unter einem Wellblechdach ist der Tisch bereits gedeckt.

Ich bete zu allen Schutzgeistern der Somba, dass ich nicht den Hund vorgesetzt bekomme. Mein Flehen wird erhört. Es gibt Reis, Couscous und Gemüse. Mit einer Taschenlampe bewaffnet, werden wir nach dem Essen zu unserem Nachtlager geführt: In zwei der „Pizzaöfen“ auf der Terrasse eines leer stehenden Tata Somba hat man uns Matratzen und Decken vorbereitet.

Sehr spartanisch, aber auch unglaublich romantisch. Angst vor giftigen Tieren brauchen wir in dieser Nacht nicht zu haben. Vor unserem Tata Somba stehen drei Lehmhügel. Und die Schutzgeister wachen sicher auch über uns.


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