Nach erhofftem Sturz Assads droht Machtkampf mit „Gotteskriegern“

Noch haben syrische Rebellen und ausländische Radikalislamisten den Kampf gegen Assad als gemeinsames Ziel. Aber die jetzt schon offensichtlichen Differenzen könnten nach einem Sturz des Regimes in einem offenen Machtkampf münden.

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Von Anne-Beatrice Clasmann/dpa

Damaskus - „Islam = Gerechtigkeit, Demokratie = Unrecht“, steht in schwarzer Schrift auf einem gelben Aufkleber, der an vielen Wänden in Asas zu sehen sind. Der Spruch hängt auch im Gerichtsgebäude der syrischen Kleinstadt, die so nah an der türkischen Grenze liegt, dass vielerorts das türkische Mobilfunknetz funktioniert.

Drei islamische Religionsgelehrte und fünf Anwälte arbeiten hier seit einigen Tagen als Richter. „Lange Haftstrafen verhängen wir aber nicht, denn wir haben Angst, dass die Truppen des Regimes das Gefängnis bombardieren“, erklärt der Anwalt Jamil Othman. Neben dem Stuhl des Richters hat jemand die Fahne der Revolution mit den drei roten Sternen provisorisch an einem Kleiderständer befestigt.

Der junge Aktivist Luai, der unter den Revolutionären den Spitznamen „der gescheiterte Journalist“ trägt, hat die Fahne als gehäkeltes kleines Armband immer bei sich. Doch nicht allen Rebellen gefällt das. „Der Kommandant einer islamistischen Brigade nahm mir in Aleppo mein Armband ab. Er sagte, alle Muslime sollten nur unter dem Banner des Islam kämpfen. Nationalismus, das ist für ihn Unglaube“. Luai hat an der Front Libyer getroffen, Saudis, Bosnier und auch einen Kämpfer, der kein Arabisch verstand. „Er sagte mir: Ich komme aus Germany.“

Al-Kaida-Flagge weht vor den Häusern

Auch in Asas, wo es im vergangenen Jahr nicht mehr als einige Dutzend radikale Islamisten gab, weht inzwischen die schwarz-weiße Fahne des Terrornetzwerkes Al-Kaida vor mehreren Häusern und, als kleiner Wimpel, auf den Autos vieler Kämpfer. Viele ausländische Kämpfer aus Nordafrika, aus den arabischen Golfstaaten und aus Europa sind inzwischen in der Provinz Aleppo eingetroffen, um sich dem „Heiligen Krieg“ anzuschließen.

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Meist bleiben die ausländischen Jihadisten unter sich. Sie haben sich vor allem der Al-Nusra Front und der Brigade Ahrar al-Sham angeschlossen. Etliche von ihnen sind an der Front oder bei Sprengstoffanschlägen gegen die Regierungstruppen gestorben. Den meisten Menschen in den sunnitischen Dörfern und Städten im Umland von Aleppo sind die Islamisten willkommen, so lange sie gegen den gemeinsamen Feind kämpfen und sich ansonsten nicht in die örtlichen Angelegenheiten einmischen.

„Nur einmal hat es Ärger gegeben mit einem tunesischen Gotteskrieger. Der hat eine Frau auf der Straße beschimpft, weil ihm nicht passte, wie sie angezogen war, dabei war die Frau konservativ gekleidet, so wie es bei uns üblich ist“, erzählt Mohammed Nur Amuri aus Asas. „Dem haben wir gesagt, da drüben ist die Front, da ist dein Platz oder du kannst nach Hause gehen“, fügt er hinzu. Die Fotos der acht „Märtyrer“, die seine Familie im Kampf gegen das Assad-Regime verloren hat, kleben auf seiner Motorhaube.

Auch der Nachbarort Tell Rifaat hat im Kampf gegen das Regime einen hohen Preis bezahlt. Die Häuser der Zivilisten, die geflohen sind, haben Vertriebene aus Aleppo bezogen. Kamal Hmaili, der gemeinsam mit 24 weiteren Bürgern der Stadt eine lokale Selbstverwaltung gegründet hat, sagt, 25 Scud-Raketen seien in den vergangenen Monaten in Tell Rifaat eingeschlagen.

Die Angst vor dem nächsten Angriff lässt die Bewohner des Ortes nicht ruhig schlafen. Waffen sieht man in der Stadt kaum noch. Wer kämpfen will, zieht in die Provinzhauptstadt Aleppo oder zum Militärflughafen Minich, der noch in der Hand der Regierungstruppen ist. Für Hmail, der westliche Kleidung trägt, ist eines schon jetzt klar: „Unser Krieg ist ein Krieg zwischen dem Islam und dem Unglauben.“


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