Vernähte Zeit, die tiefe Wunden heilt

Von Krieg und Vertreibung erzählen die von Lucia Feinig entworfenen, von bosnischen Flüchtlingsfrauen genähten Bosna Quilts. Von 1993 bis 1998 entstanden sie auf der Vorarlberger Galina, seither im ostbosnischen Goražde.

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Von Edith Schlocker

Menschen aus der bosnischen Enklave Goražde fanden ab 1992 im Vorarlberger Flüchtlingsheim Galina eine vorüber­gehende Heimat. Um ihre Traumata zu verarbeiten, war Beschäftigungstherapie angesagt, idealerweise die Herstellung eines Produkts, das sich auch verkaufen ließ. Die Idee zum Machen von Quilts hatte die Malerin Lucia Feinig. Um nun schon seit 20 Jahren die Entwürfe für diese einzigartigen Objekte zu machen; was daraus entsteht, bleibt allerdings allein den bosnischen Frauen überlassen.

Und dieses Sich-Überlassen-Werden macht auch den großen Reiz der Bosna Quilts aus. Denn Lucia Feinig ist eine klare Denkerin, ihre Kompositionen sind raffinierte Jonglierakte mit geometrischen Formen und klaren Farben. Völlig subjektiv sind dagegen die Handschriften der Frauen, die auf diesen minimalistischen, in der Fläche ausgebreiteten Entwürfen beim Vernähen der Stoffe ihre Spuren hinterlassen. Viel Zeit und damit persönliche Geschichten fließen in diese völlig intuitiv gesetzten Spuren ein, Gedanken verknäueln sich, suchen Flucht-, Aus- und Umwege, verdichtet zu Zeichen für Hoffnungen und Obsessionen.

Lucia Feinig wählte mit dem Patchwork-Quilt ganz bewusst eine Technik, die ihr genauso wie den Frauen fremd ist. Und größtmögliche formale Freiheiten lässt: Feinig, die das Festlegen der großen Formen letztlich als malerisches Tun empfindet, genauso wie den Näherinnen, die sich Stich für Stich ihre oft traumatischen Geschichten von der Seele nähen. Nichts was auf diese Weise entsteht, ist falsch. Alles hat seine subjektive Richtigkeit, seine innere Logik, so verschlungen die Linien auch sein mögen, die die geometrischen Kompositionen durchpflügen. In einem konfus anmutenden Liniengewirr oder in klar gerasterter Logik, mit labyrinthischen Strukturen oder abstrahierten Symbolen.

Alles, was hier an persönlichen Schicksalen zur Struktur reduziert ist, überträgt sich intuitiv auf den Betrachter der Quilts, die man auf den Boden oder ein Bett genauso legen wie an die Wand hängen kann. Als meditative Bilder, die sich bestens eignen für persönliche Fluchten.

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Die ersten Bosna Quilts sind 1993 im Flüchtlingsheim Galina entstanden. In einer ehemaligen Garage, wo nicht nur genäht, sondern auch bosnischer Kaffee getrunken, geredet, Baklava gegessen und Radio gehört wurde. Im selben Jahr gab es bereits eine Ausstellung, fanden sich erste Käufer. Hunderte davon gibt es inzwischen, Einladungen zu Ausstellungen kommen aus dem In- und Ausland. 1998 wurde das Flüchtlingsheim Galina geschlossen und die Werkstatt auf Anregung von Safira Hoso, einer der Quilterinnen der ersten Stunde, in das zerstörte Go­ražde in Ostbosnien verlegt.

Rund zwölf Frauen nähen hier unermüdlich Quilts. Neben Safira Hoso noch eine, die auf der Galina vom Virus des Vernähens gelebter Zeit angesteckt worden ist. Der Rest sind Frauen, die den Krieg in Goraž­de miterleben mussten. Ihre Traumata von Zerstörung, Vertreibung und Tod fließen in ihr Tun ein, was ihnen hilft, vielleicht besser als jede Psychotherapie es könnte, das Erlebte zu bewältigen. Um gleichzeitig ein Einkommen zu haben, was in dieser besonders von Frauenarbeitslosigkeit geprägten Region auch ein nicht zu unterschätzender Faktor ist.

Anlässlich 20 Jahre Bosna Quilt Werkstatt gibt es im heurigen Jahr eine Reihe von Ausstellungen. Eine permanente Schau läuft in Bregenz (Weiherstraße 2), geöffnet jeden Samstag von 11 bis 16 Uhr.


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