Partizipation als Ressource

Immer weniger Menschen wollen andere für sich entscheiden lassen, wie, wo und mit wem sie leben wollen. Viel Nachdenkstoff dazu lieferte ein Symposium zu diesem Thema.

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Von Edith Schlocker

Innsbruck –Für Landesrat Thomas Pupp (S) ist das, was im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der Findung eines neuen Dorfzentrums für Fließ passiert ist, ein „Leuchtturm“ konstruktiver Bürgerbeteiligung. „Es geht in die richtige Richtung“, sagt er, um gleichzeitig mutigere und innovativere Projekte in Sachen Partizipation in der Tiroler Gemeinde- und Stadtentwicklung zu fordern. Ezzes dazu sollte ein Symposium liefern, zu dem Pupp diese Woche ins Landhaus geladen hat.

Allerhand zum Nachdenken über obsolet gewordene tradierte Werte lieferte eingangs die Expertin für Beteiligungskultur, Rita Trattnigg. Sie ortet den gesellschaftlichen Trend, nicht weiter andere für sich entscheiden zu lassen. Nicht zuletzt wenn es um den unmittelbaren Lebensraum geht. Was eine eminent politische Angelegenheit sei, wofür es Orte jenseits des Parteipolitischen geben müsse. Partizipation ist für die Politologin eine „riesige gesellschaftliche Ressource“, die derzeit noch brachliege. Investitionen in soziales Kapital würden sich aber allemal lohnen.

Nichts Neues ist Bürgerbeteiligung für den Stadtplaner von Hannover, Uwe Bodemann. Funktioniert für ihn aber nicht wirklich. Hat er doch bereits 2008 ein Nachdenken über die Zukunft seiner Stadt initiiert, zu der er alle Bürger eingeladen hat. Fragen von Handel bis Heimat und Baukultur wurden dabei verhandelt, mündend in einem Masterplan, der baldmöglichst umgesetzt werden soll. Die Illusion, „alle zu kriegen“, müsse man sich allerdings abschminken, so Bodemann.

Besser scheint Partizipation im Zusammenhang mit dem Schulbau zu funktionieren. Das sind jedenfalls die Erfahrungen des Leiters des Forschungszweigs SchulRAUMkultur der Uni Linz, Michael Zinner. Das optimale Fallbeispiel in diesem Zusammenhang ist für ihn die Kärntner 5000-Einwohner-Gemeinde Moosburg, wo in einem „kurzweiligen Partizipationsprozess“ darüber entschieden worden ist, wie die schulische Zukunft der Gemeinde vom Kindergarten über den Hort bis zur Neuen Mittelschule ausschauen soll. Mit dem ehrgeizigen Ziel, die „Bildungsgemeinde Österreichs 2020“ zu werden. Vorerst sind jedenfalls schon die Zäune zwischen den einzelnen Bildungseinrichtungen abgerissen worden.

„Es gibt kein allgemeingültiges Rezept für Partizipation“, muss Zinner zugeben. Und dem pflichtet Gesa Witthöft, Raumplanerin an der TU Wien, voll und ganz bei. Was nicht zuletzt auch für die öffentlichen Räume gilt, die für sie in Zeiten, in denen die soziale Ungleichheit zunimmt, eine Renaissance erleben. Diese öffentlichen Räume brauchten Planung, was allerdings bedeute, sich auf Partizipation einzulassen bzw. sich über die Nachsorge dieser neuen Räume Gedanken zu machen.

Was im Zusammenhang mit öffentlichen Räumen oft vergessen wird, sind die Straßen. Die nach Jahrzehnten hypertropher Mobilisierung einer Entschleunigung bedürfen, wie Ursula Faix, Partnerin der Innsbrucker BAD architects, glaubt. Shared Space ist das diesbezügliche Zauberwort, was die Entflechtung der unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Straßenbenutzer bedeutet. Und wunderbar funktioniert, wie Beispiele u. a. in Graz beweisen.

Dafür werden die Straßen von Ampeln, Verkehrsschildern, Zebrastreifen und Gehsteigen befreit. Die Straße gehört allen, funktioniert allein über Blickkontakt. Man arrangiert sich, die Aggression im Straßenraum hört erstaunlicherweise auf, mit dem Effekt, dass viel weniger Unfälle mit Personenschäden passieren. Übrigens: Ein von BAD architects entwickeltes Projekt zu einem Shared Space in der Innsbrucker Pradler Straße liegt bereits in der Schublade.


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