(K)eine WG für Demenzkranke

Der Tiroler Verein VAGET bietet seit 15 Jahren mobile Hilfe für psychisch erkrankte Senioren. Gefordert wird ein weiterer Ausbau der ambulanten Pflegeangebote.

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Von Judith Sam

Innsbruck – 2013: Auf 60 erwerbstätige Tiroler kommt ein Demenzkranker. „Im Jahr 2050 wird dieses Verhältnis bereits 15:1 betragen“, weiß Josef Marksteiner, Leiter der Gerontopsychiatrie des Landeskrankenhauses Hall. Rund 11.000 Tiroler Senioren leiden derzeit an psychischen Erkrankungen, 9000 von ihnen an Demenz. Diese Fakten stellen Tirols Gesundheitsplanung vor eine immense Herausforderung: „Denn wir können nicht immer mehr Heimplätze einrichten. Daher brauchen wir verlässliche Partner wie den Verein VAGET (Verbund außerstationärer gerontopsychiatrischer Einrichtungen Tirols), der es ermöglicht, dass Patienten möglichst lange zuhause betreut werden“, sagt Marksteiner.

Im Moment würden Betroffene oft im Heim leben und nur sporadisch von ihrer Familie besucht werden. Viel sinnvoller seien jedoch etwa Wohngemeinschaften, in denen Patienten ambulant betreut werden und Teil eines sozialen Netzes sind. Gertrud Geisler-Devich von VAGET schlägt vor, dass Angehörige dort die Räume einrichten und einmal wöchentlich kochen könnten. „Doch solche Pflegekonzepte erfordern Mut – die Bereitschaft dazu von Seiten der Verantwortlichen ist nicht groß“, weiß Geisler-Devich. Seit 15 Jahren begleiten die 64 Mitarbeiter von VAGET 400 Klienten aus dem Raum Hall, Schwaz, Wörgl, Telfs und Innsbruck.

Neben der Unterstützung der Patienten sei laut Marksteiner auch die Information für Angehörige essentiell. Allerdings gebe es immer mehr Einzelhaushalte, die gesellschaftliche Verbundenheit nehme ab: „Früher kam einer unserer betroffenen Bekannten acht-, neunmal täglich zu uns, um Kaffee zu trinken. Mal bekam er ihn, mal servierten wir nur Wasser. Aber so war für ihn und uns alles in Ordnung.“ Heute fehlen jedoch Ankerpunkte wie Nachbarn oder das Gasthaus. Darum nennt Marksteiner als beste Prophylaxe für Demenz: „Die Pflege der sozialen Kontakte.“

Doch selbst wenn man engagierte Angehörige hat, sei es keine Seltenheit, dass die in ein „Pflege-Burnout“ fallen. „Um so etwas zu vermeiden, unterstützt unser Verein Betroffene und ihre Angehörigen bis zu 90 Stunden im Monat“, schildert Geisler-Devich.

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Meist seien nur wenige Besuche in der Woche notwendig – was finanzielle Vorteile habe: „Der Selbstbehalt einer Pflegestunde variiert je nach dem eigenen Einkommen und dem des Partners zwischen sechs und 35 Euro.“ Die Vollpflege sei also ähnlich teuer wie ein Heimplatz. Allerdings habe das Konzept den Vorteil, dass Klienten so lange wie möglich zuhause leben können – was den meisten lieber sei.


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