Verleger aus Verlegenheit

Eine folgenreiche Schnapsidee: Der Kyrene-Verlag feiert seinen zehnten Geburtstag.

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Innsbruck –Am Anfang stand ein Skandal. Na ja, eher war es eine Provinzposse. Das erste Buch, das Anfang 2004 im neugegründeten Kyrene-Verlag erschien, war Helmuth Schönauers „Bürger Meister Metzgerin“, eine ebenso überdrehte wie wenig elegante Abrechnung mit der damals amtierenden Stadtregierung. Ein solcher Text sorgt natürlich für Aufsehen. Die erste Auflage verkaufte sich binnen weniger Wochen. Aber mit solchen Texten macht man sich nicht nur Freunde. „Man landet schnell im Eck der Polemiker und Anarchos, das ist nicht ungefährlich“, sagt Martin Kolozs, der Kyrene zusammen mit Bernd Schuchter 2003 aus der Taufe gehoben hat, heute. Seit 2005 leitet er den Verlag allein.

Einen Verlag, den er gar nicht gründen wollte. Denn eigentlich wollten Kolozs und Schuchter lediglich eine bibliophile Rarität wiederauflegen. Doch noch bevor die illustrierte Sammlung von Georg Trakls Gedichten „Am Moor“ wirklich Gestalt annahm, trudelten regelmäßig neue Manuskripte ein. „Ganz offensichtlich gab es in Tirol Bedarf an Alternativen zum fraglos renommierten Haymon-Verlag. Gerade jüngere Autoren haben sich mit Texte­n – ganz ohne unser Zutun – an uns gewandt“, erinnert sich Kolozs. Dazu kamen schnell auch Autoren, die ihren Platz in der heimischen Literaturszene noch nicht gefunden haben, weil sie sich „kaum in ein vorgestanztes PR-Konzept reduzieren lassen“. Der eingangs erwähnte Schönauer zum Beispiel oder Elias Schneitter und Hans Augustin – bis heute Standbeine des Kyrene-Verlags. Letztlich habe man sich aus „Schicksal und Verlegenheit“ dazu durchgerungen, den Verlag zu gründen. „Eigentlich ein­e Schnapsidee“, sagt Koloz­s, „aber eine, die entgegen manche­r Voraussage funktionier­t hat.“

Funktioniert hat das Unterfangen auch deshalb, weil sich Kolozs mit der „Schizophrenie des Verlegerlebens“ abgefunden hat. „Manche Texte, die ich liebe, kann ich nicht veröffentlichen“, sagt der 34-Jährige, „andere Bücher muss ich machen und verteidigen. Als Verleger bin ich zunächst Geschäftsmann, dann Leser.“

Ähnlich pragmatisch sieht Kolozs auch die permanente Krisenstimmung in der Buchbranche. „Es wird gelesen. In welches Trägermedium man die Texte packt, ist letzten Endes egal. Ein Verlag überlebt, wenn er es schafft, sich zu profilieren.“ Das versucht Martin Kolozs seit 2010 von Wien aus. Der Umzug sei persönlich motiviert gewesen, sagt er, aber auch für den Verlag hätten sich neue Perspektiven eröffnet. Österreichs Kulturlandschaft sei nach wie vor sehr Wien-lastig. „Die Ränder werden kaum wahr- und nicht immer ernstgenommen.“ Gerade deshalb will Kolozs weiterhin für unberechenbare Literatur aus Tirol die Werbetrommel rühren. (jole)

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