Gegen IT-Epidemien helfen keine Apps

Es klingt verrückt, aber es gibt diese Beschwerden tatsächlich: „Akute Wiiitis“, „Eiternde Nintendritis“, „Shopping-Bulimie“ oder „Facebook-Asthma“ – oft entstehen moderne Zivilisationskrankheiten aufgrund der sonst so beliebten Technik. Ein „Anti-Virus-Programm“ gibt es dagegen leider nicht.

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Von Judith Sam und Nicole Unger

Die Symptome lauten: Nackenschmerzen, verletzte Daumen, Stauchungen – wenn der moderne Patient über solche Wehwehchen klagt, muss das nicht die Folge eines Unfalls sein. Im Gegenteil: Die Ursachen für diese Beschwerden trägt jeder von uns täglich mit sich oder hegt und pflegt sie zuhause: Handys, Spielekonsolen und Computer.

Shoppen bis der Arzt kommt – in der heutigen Zeit keine Seltenheit mehr. Rund um die Uhr wird im Internet bestellt und Warenkörbe gefüllt. Manche Shoppingwütige ordern dabei regelmäßig in riesigen Mengen, um dann alles wieder zurückzuschicken. Dieses Verhalten hat bereits einen Namen und nennt sich in Anlehnung an die Essstörung: Shopping-Bulimie.

Der erste Kick entsteht beim Bestellen, der zweite, wenn der Postbote klingelt, dann ist die Euphorie vorbei und man will alles wieder loswerden. „Sobald ich den Karton aufgerissen habe, die Sachen in der Hand halte, verfliegt der Rausch”, bekannte eine 35-jährige Kölnerin kürzlich in der Zeitschrift Grazia.

Viele der Kunden würden sich mit der nicht bezahlten Ware fotografieren und die Bilder auf Facebook stellen, um zu zeigen, was sie sich leisten können, klagen Internetshopbetreiber. Ein Verhalten, das auch Ärzten Sorgen bereitet: „Shopping-Bulimie ist eine Zwangshandlung. Der Leidensdruck steigt, da dieses Verhalten viel Zeit und Raum im Leben der Betroffenen fordert“, sagt etwa Aglaja Stirn, Chefärztin für Psychosomatik, zur Grazia.

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Es klingt verrückt, doch es gibt diese Krankheit tatsächlich: Facebook-Asthma. Gennaro D’Amato, ein Arzt aus Neapel, berichtete etwa von einem Fall im Fachmagazin Lancet: Ein junger Asthmatiker wurde von seiner Freundin verlassen und aus deren Facebook-Freunde­liste verbannt. Der Mann erschlich sich neuen Zugang zu ihrem Facebook-Profil und verfolgte das Treiben seiner Ex. Dies raubte ihm offensichtlich die Luft. Denn immer wenn er das Bild der jungen Dame sah, bekam er einen Asthma-Anfall. Seine Therapie: sofortige Facebook-Abstinenz.

Doch nicht nur Internet und Computer, auch Smartphones können die Gesundheit beeinträchtigen. Auf den kompakten Begleitern in allen Lebenslagen wimmelt es nämlich nur so von Bakterien. Laut einer Studie des Wall Street Journal fand man auf zufällig getesteten Handys teils mehr als 4000 verschiedene Bakterienarten. Diese Viren-Sammelbecken presst man dann seelenruhig gegen seine Backe. Kein Wunder, dass viele Nutzer folglich an diversen Ausschlägen leiden – der so genannten „Smartphone-Akne“.

Das beste Mittel gegen die „moderne Akne“ ist das banale Händewaschen. Womit wir bereits beim nächsten Schauplatz der IT-Epidemien angelangt sind: den „Joystick-Fingern“, der „Eiternden Nintendritis“ und dem „SMS-Daumen“. Der „Joystick-Finger“ ist die Folge der einseitigen Belastung und den schnellen, abgehackten Bewegungen der Finger, mit denen man seinen virtuellen Helden durch diverse Spielewelten manövriert. Betreibt man das zu intensiv, kann das Muskelgewebe vernarben und die Fingerglieder können verhärten.

Findet der Arzt einen geröteten, im schlimmsten Falle eiternden Punkt inmitten der Handfläche, ist das sozusagen ein modernes Stigma: die „Nintendritis“. Die simple Ursache: Bei so mancher Spielkonsole muss man mit der flachen Hand auf den Joystick schlagen. Von diesem Phänomen konnte man zum ersten Mal im Jahr 2000 im Medical Journal of Australia lesen. Der Arzt, der die betroffene Neunjährige behandelte, empfahl seinen Kollegen, Patienten mit ungewöhnlichen Handverletzungen, Epilepsie oder Bewegungskrankheiten allem voran zu fragen, ob sie interaktive Computerspiele spielen. Ähnlich verhält es sich mit dem „SMS-Daumen“, der 1990 bereits von einem amerikanischen Forscher im New England Journal of Medicine vorgestellt wurde. Die Symptome dieser „Sportverletzung“ lauten: dicke Hornhaut und Krämpfe im Daumen wegen zu intensivem Konsolen-Spielen.

An modernen „Sportverletzungen“ ist auch die Spielkonsole Wii nicht ganz unschuldig. 2006 wurde das gute Stück auf den Markt gebracht. Ein 29-Jähriger ging die Sache wohl zu euphorisch an und übertrieb es mit dem virtuellen Tennis. Die Folge: heftige Schulterschmerzen. Und schon war die „Akute Wiiitis“ geboren.

Die Schmerzen können auch in andere Enden des Körpers ziehen – wie etwa im Fall des „Handy-Ellbogens“. Dabei wird der Ellbogen bei langen, verkrampften Telefonaten überbeansprucht. Das kann bis zu einem Taubheitsgefühl als Folge von Durchblutungsstörungen führen. Zum Glück ist die Therapie hier einfach: das Handy mit der anderen Hand an das andere Ohr halten.

Ähnlich simpel behebt man die Folgen des schmerzhaften „Handy-Nackens“. Betroffene sind leicht zu erkennen: Sie blicken meist angestrengt und chronisch nach unten – auf das ach so wichtige Handy-Display. Das stetige Senken des Kopfs führt zu einer Überdehnung der Halsmuskeln. Daher wäre es clever, lange E-Mails nicht am Smartphone, sondern am PC zu lesen oder öfter die Position des Handys zu wechseln.

Nach all diesen Hiobsbotschaften aus der Welt der Bits und Bytes die moderne Technik zu verunglimpfen, wäre jedoch eine zu voreilige Schlussfolgerung. Denn der Urvater der Technik-Wehwehchen stammt aus dem Jahr 1981: das „Space-Invaders-Handgelenk“. Im New England Journal of Medicine wurde eine schmerzhafte Steifheit des Handgelenks beschrieben – die Ursache war das schnelle Beugen und Strecken des Joysticks an der nostalgisch anmutenden „Space-Invaders“-Konsole.

Apropos Nostalgie: Verrückte Krankheitsbilder sind keine Erfindung der Neuzeit. In den späten 50ern, lange bevor von „Nintendritis“ die Rede war, litten Menschen etwa am „Hula-Hoop Syndrom“. Auch das fanatische Drehen des legendären Zauberwürfels bereitete einst Probleme – vor allem in den Gelenken. So lange, bis der Zauber um den Würfel verflogen war. Und wer weiß, vielleicht verschwinden ja auch die modernen Technikkrankheiten (ganz ohne Joystick) im Handumdrehen?


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