Syriens Opposition ringt um Einfluss in „befreiten Gebieten“

Wenn es den Oppositionsgruppen nicht bald gelingt, die Lebensbedingungen der Menschen in den Gebieten unter ihrer Kontrolle zu verbessern, wird sie bald niemand mehr ernst nehmen.

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Von Anne-Beatrice Clasmann/dpa

Damaskus - Das Telefon von Mohammed Sarmini klingelt an diesem sonnigen Frühlingstag so häufig, dass er den Ton abgeschaltet hat. Erst kündigt sich eine schwedische Parlamentarier-Delegation an. Dann erreicht den syrischen Oppositionspolitiker ein Hilferuf aus der Provinz Al-Hassake, wo medizinische Hilfsgüter fehlen.

Der Syrische Nationalrat (SNC), ein von den Muslimbrüdern dominierter Zusammenschluss Oppositioneller, hat Sarmini zum Leiter seines Büros in Gaziantep gemacht, einer türkischen Stadt, 50 Kilometer von der syrischen Nordgrenze entfernt. In dem erst vor wenigen Tagen eingerichteten Büro riecht es nach frischer Farbe. Auf dem Rahmen des Flachbild-Fernsehers klebt noch die Plastikverpackung.

Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel

Syriens Opposition ist mit der Verwaltung der sogenannten befreiten Gebiete überfordert. Das liegt nicht nur daran, dass Raketenangriffe der Regierungstruppen jeden Anschein von Normalität unmöglich machen, sondern auch an mangelnden Finanzmitteln. Beamte erhalten kein Gehalt. Plünderer terrorisieren die Bevölkerung. Den Bäckereien fehlt Mehl. Doch wenn es den Oppositionsgruppen nicht schnell gelingt, die Lebensbedingungen der Menschen in Aleppo, Idlib und Deir as-Saur zu verbessern, wird sie bald niemand mehr ernst nehmen. Davon würden dann wohl vor allem lokale Anführer profitieren - und die Brigaden der militanten Islamisten.

Zwei Häuser weiter residiert seit zwei Tagen der lokale Repräsentant der Nationalen Syrischen Koalition. Hier hängt noch kein Schild an der Tür. Ein Techniker ist gekommen, um im Büro des Direktors den Fernseher anzuschließen.

Die Koalition ist ein breiteres Bündnis, dem auch der SNC angehört. Ihr Vorsitzender Muaz al-Khatib hat im März wegen interner Querelen seinen Rücktritt angekündigt. Angeblich will der moderne Prediger aus Damaskus nun aber doch im Amt bleiben.

„Untätigkeit des Westens stärkt Salafisten“

Der Repräsentant der Koalition in Gaziantep, Yassir al-Sakri, kann nicht verstehen, weshalb sich die USA und die Europäer nicht dazu durchringen können, die von den Rebellen kontrollierten Gebiete vor Luftangriffen zu schützen.

Die Sorge westlicher Geheimdienste vor einer indirekten Stärkung islamistischer Terroristen in Syrien kann der biedere Geschäftsmann nicht nachvollziehen: „Soweit ich weiß, sind Patriot-Raketen, wie sie hier von der NATO zum Schutz des türkischen Grenzgebietes stationiert worden sind, reine Defensivwaffen. Was die salafistischen Brigaden viel mehr stärken wird, ist die Untätigkeit des Westens. Denn diese Gruppen haben in den vergangenen sechs Monaten einen riesigen Zulauf erhalten und mehrere Waffenlager der syrischen Armee erobert.“

Bisher nur symbolische Präsenz

Sarmini blickt ernst durch seine eckigen Brillengläser. Der etwas schwerfällige junge Mann mit dem kurzen Backenbart ist kein Freund von Schönfärberei: „Der Syrische Nationalrat und die Koalition haben in der Fläche in Syrien bisher nicht mehr als eine symbolische Präsenz. Die von den Revolutionären befreiten Grenzübergänge werden leider bis heute von Militärs kontrolliert und nicht von der zivilen Führung des Aufstandes.“

Wo die Übergangsregierung, die der von der Koalition gewählte Oppositionelle Ghassan Hitto in den nächsten Tagen bilden soll, ihren Sitz haben wird, ist noch offen. Will sie von den Menschen, die in Syrien unter dem Bürgerkrieg leiden, ernst genommen werden, muss sie in den sogenannten befreiten Gebieten ihre Arbeit aufnehmen.

„Doch frage ich mich, wie das funktionieren soll, ohne dass die NATO eine Flugverbotszone in Nord-Syrien einrichtet, so wie sie es 2011 in Libyen gemacht haben“, sagt Sarmini. Er ist nicht der Einzige, der befürchtet, dass Assad die Gegenregierung nicht nur mit politischen Mitteln bekämpfen will, sondern auch mit Raketen und Kampfflugzeugen. Daher ist es gut möglich, dass die Regierung keinen festen Sitz in Syrien hat und ihre Aktivitäten von Gaziantep aus steuern wird.

Vor allem von Frankreich sind die Statthalter der Revolution sehr enttäuscht. „Erst wollten die Franzosen, dass die EU Waffenlieferungen an die Revolutionäre erlaubt, jetzt haben sie plötzlich Angst, dass Waffen in die Hände von Terroristen geraten“, erklärt Sarmini und schüttelt den Kopf. „Ich glaube, sie haben Druck aus Washington bekommen“, fügt er hinzu.

Al-Sakri hofft zumindest, dass Paris der Übergangsregierung demnächst erlauben wird, syrische Pässe in Frankreich drucken zu lassen - dort wo das Regime bisher die Reisepässe hat drucken lassen. Bis es soweit ist, will sich Al-Sakri, der in der Türkei studiert hat, darum kümmern, dass Ankara syrische Personalausweise anerkennt, die von der Koalition ins Türkische übersetzt und beglaubigt werden. Damit könnten dann die Aufenthaltsgenehmigungen Tausender syrischer Flüchtlinge verlängert werden, die außerhalb der Lager leben. Die meisten von ihnen hatten nicht gedacht, dass sie auch das Frühjahr 2013 noch im Exil verbringen würden. (APA/dpa)


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