Das Ende vom Blümchensex

Beim Thema Handschellen und Lustkugeln wird seit dem Sex-Bestseller „Shades of Grey“ keiner mehr rot. Aber warum verschlingen gerade Frauen die Sadomaso-Schinken und wo liegen die Grenzen der Schamlosigkeit?

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Von Kathrin Siller

Sophie und Richard lernen sich bei einer Sklavenversteigerung kennen: Er, ein verheirateter Geschäftsmann. Sie, ein sexuell unbeschriebenes Blatt. Was verdächtig nach dem Sex-Bestseller „Shades of Grey“ klingt, ist der Auftakt zum Erotik-Schmöker „Stolz und Demut“ von Sophie Weiss, der seit Februar vor allem Leserinnen mit neuem Sadomaso-Kitsch versorgt.

War Sadomaso früher noch Sache geheimer Gruppierungen, über die hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde, scheinen Spreizstangen, Lederdessous und Halsbänder heute so alltäglich wie Spülmaschinen und Staubsauger. Frauen, die sich sexuell unterdrücken und mit Peitschen und Nippelklemmen züchtigen lassen – was findet das weibliche Publikum daran überhaupt so prickelnd?

„Frauen tragen heute viel mehr Verantwortung und sehen diese Praktiken vielfach als Möglichkeit, sich fallen zu lassen und Verantwortung abzugeben“, erklärt die klinische Sexualpsychologin und Psychotherapeutin Christina Raviola, die in Wien eine Familien-Sexualberatungsstelle leitet. „Zudem werden die sexuellen Neigungen von Frauen beschrieben, die dabei die Gedanken und Gefühle von Frauen wiedergeben.“

Was fasziniert, ist das Verbotene: sexuelle Sklaverei – das ultimative Tabu. Getrieben von der Neugierde auf Skurrilitäten und der Frage „Was gibt es denn sonst noch und könnte es mir auch gefallen?“, verschlingen die Leser die literarisch mäßig anspruchsvollen Romane.

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Und gar einige lassen sich von den expliziten Szenen gerne inspirieren. So gehören leichte Fesselspiele heute durchaus zum sexuellen Repertoire vieler Paare. Das bestätigt auch Doreen Schink von Beate Uhse. Mit dem Erscheinen von „Shades of Grey“ hat der Erotikanbieter etwa ein SM-Einsteigerköfferchen ins Sortiment aufgenommen, das reißenden Absatz findet.

„Der Begriff Unterwerfung klingt natürlich sehr hart. Die meisten Paare steigen nämlich auf einem soften, spielerischen Level ein – mit Liebeskugeln, Handschellen mit Stoffüberzug oder Einsteigerpeitschen“, erklärt Schink. Immerhin 43 Prozent der Österreicher heizen laut „Durex Studie 2012“ ihr Sexleben mit einschlägigem Spielzeug an.

Dank „Shades of Grey“ erlebte die Nachfrage an Sextoys einen Höhepunkt. 80 Prozent der Produkte bei Beate Uhse sind heute für das weibliche Geschlecht reserviert, 60 Prozent der Kundinnen sind Frauen. „Die Sextoys haben sich stark verändert, sind sehr designig, mit hübschen Farben, rosa und hellblau zum Beispiel“, sagt Schink.

Raviola ist überzeugt davon, dass Medien und damit auch die Erotik-Literatur die Einstellung der Gesellschaft zur Sexualität verändert haben. „Werte und Gefühle werden neu diskutiert. Sogar die Diagnose-Schemata haben sich verändert. Ein Typ wie Christian Grey aus ‚Shades of Grey‘ wäre vor 20 Jahren wahrscheinlich noch als krankhaft eingestuft worden.“

Welche Ausmaße die Leidenschaft für erotische Literatur annehmen kann, zeigt der Londoner Erotic-Book-Club. Bücher wie „Shades of Grey“ oder Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ wurden von der Gruppe der „Perversen“, wie sich der Erotik-Literatur-Zirkel ironisch nennt, ebenso diskutiert wie „Das Delta der Venus“ von Anaïs Nin. „Der Begriff Literaturclub klingt natürlich seriöser als SM-Club, aber im Grunde geht es dabei um nichts anderes als den Austausch von Fantasien und zu reflektieren: Mag ich das überhaupt?“, bringt es Raviola auf den Punkt. Kalt lässt der brisante Inhalt der Sex-Schmöker jedenfalls niemanden.

Doch allem SM-Hype zum Trotz – ganz so jedermanns Sache sind die frivolen Spielchen natürlich nicht. „Man muss nicht alles ausprobieren!“, ist Raviola überzeugt. „Je nach Stärke und Intensität der Techniken darf man sich schon auch fragen, warum man für sein sexuelles Empfinden diesen sexuellen Reiz benötigt“, gibt die Psychologin zu bedenken. Regeln zwischen den Partnern müssen klar abgesprochen sein. Konflikte sind vorprogrammiert, wenn einer den anderen auspeitschen möchte, die Idee aber nicht auf Gegenliebe stößt.

Nicht zuletzt liegen bei extremeren Formen laut Raviola bestimmte Grundpathologien zugrunde. Gerade Borderline-Patientinnen, die sich selbst nicht gut spüren, lassen extreme Körperverletzungen bei solchen sexuellen Techniken zu. In solchen Fällen wird die Grenze zwischen Lust und sexuellem Übergriff schnell überschritten.


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