„Stillen ist kein Leistungssport“

Stillen stärkt nicht nur die Gesundheit und Sprachentwicklung des Kindes, sondern hat auch Vorteile für die Mutter. Es ist aber kein Leistungssport, sagt eine Klinikexpertin und fordert einen entspannteren Zugang.

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Von Elke Ruß

Innsbruck –Stillen ist gut für das Kind. Das weiß jeder, wenn auch nicht im Detail: Mit der Muttermilch bekommt der Säugling nicht nur die richtige Nahrung mit den richtigen Verdauungsenzymen geliefert, sondern auch wichtige Abwehrstoffe. Er verdaut besser, Durchfälle, Allergien, Atemwegserkrankungen, Mittelohrentzündungen, Fälle von Vernachlässigung und sogar plötzlichem Kindstod sind seltener, erklärt die Stoffwechselspezialistin und Stillberaterin Daniela Karall von der Innsbrucker Kinderklinik. „Später kommt es auch zu weniger Autoimmun­erkrankungen wie entzündlichen Rheuma-Formen, Diabetes mellitus und chronisch entzündlichen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn.“

Weit weniger bekannt sind die Vorteile für die Mutter: „Die Gebärmutter bildet sich schneller zurück, es gibt dadurch weniger Blutverlust“, weiß Karall. Durch die beteiligten Hormone erreichen stillende Frauen schneller das Gewicht wie vor der Schwangerschaft, sie passen sich dem Schlaf-Wach-Rhythmus des Kindes besser an, es gibt weniger postnatale Depressionen, einen gewissen Schutz vor Brust-, Eierstock- und Gebärmutterhalskrebs und Myokardinfarkt. Stillende Diabetikerinnen brauchen weniger Insulin. Unter bestimmten Voraussetzungen wirkt Stillen auch empfängnisverhütend.

Trotz der zahlreichen Vorteile ist die Stillrate in Mitteleuropa und Österreich mager: Zwar gehen etwa 90 Prozent der Mütter nach der Entbindung stillend nach Hause – die von der WHO empfohlene Voll-Stillzeit von etwa sechs Monaten wird aber nur bei jedem zehnten Kind erreicht.

„Stillen ist zu einem Leistungssport geworden, da muss mehr Entspannung rein“, sagt Karall. Zum einen werde verglichen und Druck erzeugt, zum anderen seien Mütter mit einem Baby an der Brust in der Öffentlichkeit oft nicht gerne gesehen. Ein häufiger Grund, warum viele Säuglinge mit etwa zwei Monaten abgestillt werden, sei auch „die Angst der Mutter, dass sie zu wenig Milch hätte. Das ist aber praktisch nie der Fall“, auch nicht bei Zwillingen, beruhigt Karall. Diese Sorge hänge damit zusammen, dass die Kinder abends oft mehrmals in kurzen Abständen trinken wollen. Das sei normal, spricht Karall vom Lagerfeuer-Stillen als Erbe aus der Zeit der Nomaden, die erst abends zur Ruhe kamen. Doch gerade dann, wenn der Partner heimkomme, wollten viele Frauen auch Zeit für die Beziehung. Da werde das Fläschchen, das auch jemand anderer geben kann, als Lösung gesehen. „Kinder spüren aber diese Familien- und Bindungszeit, es wäre also sinnvoller, dass man Mutter und Kind bei der Familie lässt.“

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Ein anderer häufiger Grund, warum Frauen abstillen, seien wunde Brustwarzen. „Das ist durch gutes Stillmanagement vermeidbar. Viele Mütter hören unnötigerweise auch auf, weil sie selbst Medikamente brauchen. Für fast alle Erkrankungen gibt es aber stillverträgliche Mittel!“ Die Mutter könne außerdem normal essen, sie sollte aber Alkohol meiden und vor dem Stillen nicht rauchen.

Das Stillen funktioniere nicht automatisch, sagt Karall, es müsse erlernt werden. „Jungen Frauen fehlen aber vielfach positive Vorbilder.“ Sie betont auch die Rolle des Kindsvaters. „Wenn er dem Stillen positiv gegenübersteht, funktioniert es viel besser!“

Wie die Expertin beruhigt, müssten sich Mütter nicht zwischen „alles oder nichts“ entscheiden. Es gebe z. B. Berufstätige, die nur in der Früh und am Abend stillen. Bekommt ein Kind zusätzlich das Fläschchen, sollte der Saugschnuller eine breite Lippenauflage und einen geraden Nippel haben: „Nur so wird die gesamte Mund- und Wangenmuskulatur trainiert, was auch für die Sprachentwicklung wichtig ist.“

Die Klinik bietet eine kostenlose Sprechstunde für Still- und Ernährungsfragen (Tel. 050504-82151) an. Ratgeber zu Stillen, Flasche und Beikost gibt es unter www.docs4you.at.


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