Überirdisch unter die Haut gehen

Beim Tanzabend „Bitter Sweet“ kam das Kammerspiel-Publikum in den Genuss märchen- und flatterhafter Körperkunst.

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Von Christiane Fasching

Innsbruck –Wer den Patrioten in sich wecken will, tut gut daran, Philip Glass’ Tirol Concerto for Piano and Orchestra zu lauschen – lässt der Soundtrack für den fabelhaften Tirol-Werbespot doch Bilder im Kopf entstehen, die einen stolz auf das gebirgig­e Zuhause machen. Für die musikalische Untermalung ihrer ersten großen Choreographie hat Tanzcompany-Mitglied Marie Stockhausen, die man als Tänzerin unter anderem aus „Frida Kahlo: Pasión por la vida“ kennt, nun just die Glass’schen Kläng­e gewählt – ein schlauer Zug, denn sogleich fühlt man sich heimelig in der episodenhaften Tanzgeschichte, deren Titel auf einem Zitat von Joseph von Eichendorff basiert.

„Es schläft ein Lied in allen Dingen“ nennt sich das märchenhafte Potpourri, das vor dem Hintergrund sich ständig wandelnder Videowalls am Samstag seine Uraufführung in den Kammerspielen feierte. Und das Publikum in Welten und Wäldchen entführte, die einem Traum entliehen schienen. Hier ein charmanter, fast schon altmodischer Balztanz, da ein hektischer Run durch eine imaginäre Großstadt mit einer großartigen Marta Jaén García, die gemeinsam mit Salha Fraidl auch für Bühne und Kostüme verantwortlich zeichnet. Zwischendrin taucht noch ein frischfröhlicher Wasserläufer (Leoannis Pupo-Guillen) auf, der sich aus einer Monsterwelle schält, die zuvor wie Platzregen klang. Und plötzlich schwebt ein stammloser Baum in voller Blüte durch die Szenerie, bei der neben Glass auch Vivaldi oder Chopin den Ton angeben dürfen.

Stockhausens variantenreiche und kurzweilige Choreographie wurde vom Premierenpublikum begeistert aufgenommen. Zu Recht. Man darf gespannt auf Künftiges sein.

Im zweiten Teil des Tanzabends, der unter dem Motto „Bitter Sweet“ stand, knallte es dann gewaltig. Kein Wunder – hat der deutsche Choreograph Marco Goecke für sein Meisterwerk „Sweet Sweet Sweet“, das anno 2005 in Stuttgart uraufgeführt wurde, das Parkett doch mit schwarzen Luftballons ausstaffiert. Und beim filigranen Untergrund geht eben leicht und laut die Luft aus – vor allem, wenn darauf ekstatisch Walzer getanzt wird. Und zwar gleichgeschlechtlich. Mit einem leidenschaftlichen Männerkuss und nachfolgender Tuchfühlung startet Goeckes schräger Trip durch ein Universum, das man schwer benennen kann. Ist man da in einer tiefschwarzen Albtraum-Episode gelandet, auf einem geheimnisvollen Ball der Bälle oder gar auf der dunklen Seite des Mondes? Goeckes Choreographie, die in Innsbruck ihre österreichische Erstaufführung erlebte, verzichtet über lange Strecken auch auf Begleitmusik – stattdessen ergeben das Keuchen der Körperkünstler und das Quietschen und Knallen der Ballons einen schrägen Soundtrack, der zum Rest des experimentellen Abends passt. Irgendwann rauschen dann aber tibetanische Gesänge durch die Gummi­landschaft, in der sich die Tänzer akrobatisch verbiegen – bis man nicht mehr weiß, wo oben und unten, vorne und hinten ist. Ein bildgewaltiges Stück außergewöhnlicher Tanzkunst, das kleben bleibt. Wie eine dreifache Portion Zucker im Kaffee.

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