Auftrieb zu mehr Lebenskraft

Nach einem Schlaganfall kämpfte Monika Gamper für mehr Selbstständigkeit: im Wasser. Durch das Schwimmen verbesserte sie nicht nur ihre Bewegungsabläufe, sondern sie konnte sich auch einen großen Traum erfüllen.

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Von Miriam Hotter

Innsbruck –Etwas wackelig auf den Beinen, aber mit unbeirrten Schritten steigt Monika Gamper ins Schwimmbecken im Olympischen Dorf in Innsbruck. Mit voller Kraft biegt die 66-Jährige die blaue „Schwimmnudel“ – ein flexibler Schlauch aus Kunststoff – durch, den entschlossenen Blick richtet sie nach vorn. Nach vorn schauen – das hat sich die Innsbruckerin fest vorgenommen, denn nach schwerer Krankheit will sie wieder Fuß fassen. „Man kann hinfallen, aber man muss auch wieder aufstehen“, sagt sie.

Gefallen ist Gamper im Juli 2006. Sie ist gerade in der Innsbrucker Klinik, als sich die ersten Symptome eines Schlaganfalles abzeichnen. „Ich war wegen eines Wirbelbruches im Krankenhaus. In der Nacht wollte ich auf die Toilette gehen, konnte aber nicht aufstehen“, erinnert sich die ehemalige Altenpflegerin. Gamper spürte nicht nur ihre linke Körperhälfte nicht mehr, sondern hatte auch leichte Sprachprobleme – typische Anzeichen für einen Schlaganfall, den etwa 2000 Tiroler jährlich erleiden.

In einem Schwimmtraining kämpft sich Gamper zurück ins Leben. „Meine linke Hand machte, was sie wollte. Beim Schwimmen lernte ich, sie wieder unter Kontrolle zu bringen“, erklärt sie. Zweimal in der Woche trainiert die Innsbruckerin jeweils für eine Stunde im Wasser. Zur Seite steht ihr Bernhard Zech, Lehrwart im Schwimmen und Leiter des „Mohi Tirol“-Schwimmteams. Der Verein wurde vor 28 Jahren mit der Idee gegründet, beeinträchtigte Menschen bei ihrer individuellen Lebensgestaltung zuhause zu unterstützen.

Zech trainiert neben Gamper noch vier weitere Patienten nach dem sogenannten Halliwick-Konzept. „Mithilfe des natürlichen Auftriebs kann ein angstfreier Aufenthalt im Wasser und somit auch eine schnelle Entwicklung der Fortbewegung ermöglicht werden“, erklärt er. Der Auftrieb führe zu einem Gewichtsverlust von 90 Prozent. Das Ziel des Halliwick-Konzeptes sei, die Selbstständigkeit des Patienten zu fördern. Um dies zu erreichen, soll eine optimale Koordinationsfähigkeit herbeigeführt, ein gutes Gleichgewicht vermittelt und eine bessere Entspannungsfähigkeit gefördert werden.

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Neben der körperlichen Wirkung spielt der Einfluss auf die Psyche eine entscheidende Rolle. „Im Wasser fühle ich mich so leicht. Und ich bin nicht anders als die anderen Menschen. Dann habe ich ein Gefühl von Freiheit“, erklärt Gamper. Seit sie im Schwimmteam ist, habe sie wieder Selbstvertrauen gewonnen. Nach ihrem Schlaganfall wollte die 66-Jährige unbedingt wieder Teil der Gesellschaft sein und nicht in ihrer Wohnung „dahinvegetieren“.

Laut Zech laufen aber viele Schlaganfallpatienten Gefahr, im Selbstmitleid zu versinken und sich daheim zu isolieren. Beim Schwimmen könnten sie aber Kontakte knüpfen und auch wieder Selbstvertrauen erlangen. Es gehe beim Schwimmen nämlich auch darum, zu reden, zuzuhören und den anderen zu motivieren. „Wenn die Patienten dann eine Bewegung wieder ausführen können, die ihnen vorher nicht möglich war, freuen sie sich oft wie kleine Kinder“, spricht Zech aus Erfahrung.

Wie ein kleines Kind hat sich Gamper auch 2008 gefreut, als sie sich ihren Traum erfüllen konnte: zum ersten Mal ans Meer nach Kroatien zu fahren. „Das hätte ich mir nie träumen lassen. Das hat das Schwimmen möglich gemacht. Und untergegangen bin ich auch nicht“, sagt sie stolz. Im Wasser nicht – und im Kampf zurück ins Leben nicht.


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