Blutgetränkte Grausamkeit

In „Leviathan“ sind spektakuläre Bilder über eine schwimmende Fischfabrik zu sehen.

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Innsbruck –In den Kochbüchern, wie sie vor 100 Jahren erschienen und jetzt als antiquarische Kostbarkeiten zu ersteigern sind, begannen Rezepte noch mit genauen Tötungsanleitungen. Das „Ferkel tötet man mit einem langen, spitzigen Messer“, einen „Aal sticht man mit einer Gabel fest auf das Anrichtebrett“, Kaninchen „tötet man am besten, indem man ihnen zwischen den Vorderläufen einen tiefen Schnitt mit einem scharfen Messer beibringt, wodurch das Herz getroffen wird“, nur „Schildkröten sind nicht leicht zu töten, da sie sich bei drohender Gefahr unter ihrem Schild verbergen“.

Dem Innsbrucker Kulturhistoriker Bernhard Kathan verdanken wir diese Besuche im blutgetränkten Theater der Grausamkeit. Er hat in den 90er Jahren mit der Untersuchung historischer Küchenliteratur begonnen und den Zusammenhang von Tierliebe und industrieller Fleischproduktion entdeckt. In seinem Buch „Zum Fressen gern. Zwischen Haustier und Schlachthof“ beschreibt er, wie Tod und Leid von Tieren aus der Gesellschaft verschwanden. Blut würde sich auf den Schürzen der Fernsehköche auch nicht gut machen. Das Essen wird von seinen Grundprodukten – Fisch, Huhn, Kalb oder Reh – abstrahiert und die Hälfte landet als Demonstration der Überflussgesellschaft ohnehin beim Restmüll.

Die Anthropologen und Filmemacher Lucien Castaing-Taylor und Verena Paravel haben Titel und Motto für ihren Dokumentarfilm über den Fischfang in der Bibel gefunden, denn im Buch Psalmen findet sich eine komplette Speisekarte zur Ernährung der Menschheit: „Dort ziehen die Schiffe dahin, auch der Leviathan, den du geformt hast, um mit ihm zu spielen.“

Die Filmemacher haben der Besatzung einer schwimmenden Fischfabrik vor der amerikanischen Ostküste Kameras umgebunden, alle Bewegungen zielen auf Effektivität ab. Nach jedem Arbeitsvorgang waten die Männer in einem Meer aus Blut, Flossen und Köpfen. Fische werden aus dem Meer gezogen und bei Untauglichkeit sofort wieder als Abfall entsorgt, worüber sich zumindest die mitreisenden Möwen freuen. Mit groben Ketten wird der Boden des Meeres aufgeschürft, um die Muscheln zu ernten. Die rabiaten Kamera- und Körperbewegungen erzeugen eine spektakuläre Hyperwirklichkeit an der Grenze des Erträglichen, wo sich bald der Schwur „Nie wieder Fisch!“ im Kopf einnistet. Aber „Leviathan“ ist seiner Machart nach auch ein „Blair Fish Project“ und nach der Formel der Halbwertszeit weichen Horror und Ekel dem Seeteufel in Senfsauce. (p. a.)


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