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Ein Salzfass hielt die Republik in Atem

Der wohl spektakulärste Kunstdiebstahl der Zweiten Republik jährt sich heute zum zehnten Mal. In den frühen Morgenstunden des 11. Mai 2003 wurde im Kunsthistorischen Museum Wien die „Saliera“ von Benvenuto Cellini gestohlen. Am 20. Jänner 2006 wurde ein Wiener Alarmanlagen-Experte als Täter gefasst, einen Tag später das Salzfass wiedergefunden.

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Wien – Zur Wiedereröffnung der Kunstkammer des Kunsthistorischen Museums (KHM) stand sie kürzlich erneut im Zentrum der Aufmerksamkeit: Generaldirektorin Sabine Haag platzierte sie unter großer medialer Aufmerksamkeit selbst in der Vitrine, Schauspieler Maximilian Schell hauchte in einem Werbevideo: „Ein Wunder, dass sie überhaupt noch da ist.“ Seit 1. März ist das wohl bekannteste Stück des KHM wieder der Öffentlichkeit zugänglich - Benvenuto Cellinis „Saliera“. Am Samstag (11. Mai) jährt sich der spektakulärste Kunstdiebstahl der Zweiten Republik zum zehnten Mal. Das wertvolle Salzfass wurde 2006 in einem Wald wiedergefunden, der Dieb Robert Mang im Juni 2007 im zweiten Rechtsgang zu fünf Jahren Haft verurteilt und 2008 vorzeitig entlassen.

Zehn Jahre nach ihrem Diebstahl ist die restaurierte „Saliera“ nun das Prunkstück der neuen Kunstkammer im KHM. In den frühen Morgenstunden des 11. Mai 2003 war der Wiener Alarmanlagen-Experte Robert Mang über ein Baugerüst in das Museum eingedrungen, doch der ausgelöste Alarm wurde von den Sicherheitsbeamten übergangen. Erst in der Früh wurde das Fehlen des Salzfasses entdeckt. Es begann ein Kunstkrimi, der Österreich mehrere Jahre in Atem halten sollte.

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Bald nach dem Diebstahl wurde Kritik am damaligen Direktor Wilfried Seipel und den Sicherheitsvorkehrungen im KHM laut, einen angebotenen Rücktritt lehnte die damals zuständige Ministerin Elisabeth Gehrer (V) jedoch ab. Es folgten gescheiterte Lösegeldforderungen an die Versicherung UNIQA, drei Jahre lang fehlte jede Spur von der „Saliera“, bis die Polizei am 20. Jänner 2006 bekannt gab, im Besitz eines Teils des Kunstwerks - dem abnehmbaren „Dreizack“ - zu sein. Wenig später wurde Robert Mang verhaftet und das beschädigte Salzfass in einem Waldstück im Weinviertel durch dessen Mithilfe gefunden.

Am 7. September 2006 wurde der Täter wegen schweren Einbruchsdiebstahls zu vier Jahren Haft verurteilt, am 6. März 2007 hob der oberste Gerichtshof das Urteil aus formalen Gründen jedoch auf. Am 26. Juni desselben Jahres wurde Mang im zweiten Rechtsgang zu fünf Jahren Haft verurteilt, kam allerdings bereits im Herbst 2008 vorzeitig frei und meidet seither die Öffentlichkeit.

Chronologie der Tat und ihrer Folgen:

11. Mai 2003:

Um 2 Uhr verlassen die letzten Besucher nach der „Langen Nacht der Musik“ das Kunsthistorische Museum.

Um 3.55 Uhr schlägt der Bewegungsmelder in der Gemäldegalerie im ersten Stock Alarm. Die drei diensthabenden Sicherheitsbeamten bestätigen, diesen wahrgenommen zu haben. Damit verhindern sie gleichzeitig die automatische Weiterleitung an die Polizei. Innerhalb der vorgesehenen Zeit machen sie die Anlage wieder scharf. Der Alarm schlägt nicht wieder an. Der Täter ist offenbar bereits über das Baugerüst, über das er in den ersten Stock gelangt war, entkommen. Entgegen den Vorschriften unterbleibt eine persönliche Nachschau des Sicherheitspersonals in der Gemäldegalerie, weder das Saallicht noch die Videoüberwachungsanlage werden eingeschaltet.

Gegen 8.20 Uhr wird der Einbruch durch den Oberaufseher entdeckt: Ein Fenster des Museums ist eingeschlagen, die Vitrine zerstört und Cellinis wertvolle Skulptur „Saliera“, eines der Prunkstücke des Museums, entwendet. Erst zu diesem Zeitpunkt wird von einem Portier die Polizei verständigt. Die Ermittlungen konzentrieren sich zunächst auf das Sicherheitspersonal, die drei betroffenen Beamten werden vom Dienst suspendiert. Das KHM setzt 70.000 Euro als Belohnung für Hinweise aus, die zur Wiedererlangung des Objektes führen.

12. Mai 2003:

Der Direktor des KHM, Wilfried Seipel, gerät in der Folge unter schweren Medienbeschuss. Besonders kritisch wird neben dem Nicht-Eingreifen des Sicherheitspersonals die ungenügende Sicherung des Baugerüstes kommentiert. Es wird bekannt, dass Seipel der zuständigen Ministerin Elisabeth Gehrer (V) seinen Rücktritt angeboten hat, den diese jedoch ablehnte. Experten geben sich zuversichtlich, dass die „Saliera“ auf Grund ihrer faktischen Unverkäuflichkeit auf dem Markt bald wieder auftauchen werde.

13. Mai 2003:

Seipel ringt bei der „sicher schlimmsten Pressekonferenz, die ich in meiner Karriere zu geben hatte“, kurzzeitig mit den Tränen und spricht von einem „Angriff auf ein Weltkulturerbe“, einem „Angriff auf das Museum“ und einem „Angriff gegen die Kunst“. Mittlerweile ist der Direktor überzeugt, dass äußerst professionelle Täter am Werk gewesen wären. Ein „Sicherheitsgipfel“ von Museumsdirektoren und Sicherheitsbeauftragten im Ministerium kommt zum Schluss, dass die Sicherheitsvorkehrungen grundsätzlich ausreichend wären, dass jedoch dem „Risikofaktor Mensch“ künftig besonderes Augenmerk gelten müsse.

22. Mai 2003:

Die erste konkrete Spur bei der weltweiten Fahndung erweist sich als Fehlschlag: Das Angebot eines „Amazing, heavy antique salt & pepper set, Just arrived from europe“ auf einer Website in den USA ist offenbar ein schlechter Scherz.

Eine Diskussion um den berechtigten Bezieher der Versicherungssumme entflammt. Sowohl Bund als auch Museum beanspruchen eine eventuelle Zahlung für sich.

10. Juli 2003:

In einem Inserat in der „International Herald Tribune“ wird ein Rückkauf-Versuch gestartet.

August 2003:

Der Sommer bringt die bis dato heißeste Spur. In einem Schreiben an die UNIQA werden fünf Mio. Euro Lösegeld verlangt. Über die Authentizität von beigelegten Bröseln, die angeblich von der Saliera stammen, gibt es heftige Diskussionen, ebenso wie über die Quelle, durch die das Schreiben an die Presse dringt, sowie den daraus resultierenden Schaden für die Ermittlungsarbeit der Polizei. Über codierte Inserate und eine Homepage wird in Folge Kontakt zum Saliera-Dieb gesucht. Erfolg wird keiner bekannt.

Mai 2004:

Ein 42-jähriger Wiener will sich das brennende Interesse am Wiederauftauchen des verschwundenen Salzfasses zunutze machen und gaukelt KHM-Direktor Wilfried Seipel vor, die „Saliera“ wiederbeschaffen zu können. Der Museumsdirektor wird ergebnislos bis nach Italien gelotst, der mutmaßliche Hochstapler verhaftet.

Oktober 2004:

Angebliche Aussagen des britischen Kunst-Detektivs Charles Hill, eines der weltweit führenden Kunstdiebstahl-Experten, wonach die Diebe der „Saliera“ Komplizen im Kunsthistorischen Museum (KHM) gehabt hätten, sorgen für Aufregung. Hill dementiert jedoch. Laut Polizei sei dieser Verdacht von Anfang an im Raum gestanden: „Es hat ein Ermittlungsverfahren gegeben, bei dem nichts herausgekommen ist.“

Dezember 2005:

Im Nationalrat sagt Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V), dass auch zweieinhalb Jahre nach dem Diebstahl der „Saliera“ die Schadenssumme von der Uniqa-Versicherung noch immer nicht gezahlt worden sei. Man sei mit der Versicherung in dauernder Diskussion über die Vorgangsweise, habe allerdings bis Ende Mai 2006 Zeit, um rechtliche Schritte zu setzen. Als Gründe für die Langwierigkeit gab sie an, der Schätzwert der Saliera sei „wahnsinnig schwer feststellbar“. Zusätzlich sei zu bedenken, dass man das Geld an die Versicherung wieder zurückzahlen müsste, sollte die Saliera doch noch auftauchen.

20. Jänner 2006:

13.30 Uhr: Die Polizei gibt neue Informationen bekannt. Ein Teil des Kunstwerkes - der abnehmbare „Dreizack“ - befindet sich in den Händen der Ermittler. Außerdem konnten die Behörden ein Bild von einem Mann anfertigen, „der vermutlich Auskunft darüber geben könnte“, wo sich die Skulptur befindet. Der Mann auf dem Bild meldet sich und teilt mit, er wolle den Sachverhalt aufklären. Freunde hätten ihn auf die Ähnlichkeit angesprochen. Kurze Zeit später sprechen die Ermittler erstmals mit dem Verdächtigen, einem 50-jährigen Alarmanlagen-Experten aus Wien-Neubau, der schließlich festgenommen wird. Bei einer Hausdurchsuchung in seiner Wohnung in der Westbahnstraße stellt die Polizei Material sicher, das ihn mit der Tat in Verbindung bringt.

21. Jänner 2006:

Neuerliche Einvernahme des 50-Jährigen in Anwesenheit seines Anwalts: Nach zwei Stunden gesteht der Verdächtige den Einbruch ins Kunsthistorische Museum und den Diebstahl der „Saliera“. Mit den Ermittlern fährt er ins Waldviertel, wo in einem Waldstück bei Brand bei Waldhausen im Bezirk Zwettl das Kunstwerk vergraben ist. Die Kiste mit der „Saliera“ wird geborgen und in Wien geöffnet.

22. Jänner 2006:

Bei einer Pressekonferenz gibt Innenministerin Liese Prokop (V) symbolisch die „Saliera“ an das Kunsthistorische Museum zurück.

31. Jänner 2006:

Zum ersten Mal seit dem Diebstahl im Mai 2003 ist die „Saliera“ im Kunsthistorischen Museum zu sehen. Ein Blitzlichtgewitter geht im Saal XIX nieder.

8. Mai 2006:

Die Staatsanwaltschaft legt einen Entwurf der Anklage gegen Mang vor. Mitte Juni gibt das Justizministerium grünes Licht.

7. September 2006:

Der „Saliera“-Dieb wird im Wiener Straflandesgericht wegen schweren Einbruchsdiebstahls zu vier Jahren Haft verurteilt.

6. März 2007:

Der Oberste Gerichtshof (OGH) hebt das Urteil aus formalen Gründen auf und ordnet eine Neudurchführung der Verhandlung an.

26. Juli 2007:

Der Mann fasst im zweiten Rechtsgang fünf Jahre aus. Sowohl der Angeklagte als auch die Staatsanwaltschaft akzeptieren das Urteil.

13. August 2008:

Es wird bekannt, dass das zuständige Vollzugsgericht in Steyr einem Antrag auf vorzeitige bedingte Entlassung des „Saliera“-Diebs stattgegeben hat. Er soll Ende Oktober freikommen. Er wird zu diesem Zeitpunkt unter Anrechnung der U-Haft zwei Jahre und sieben Monate abgesessen haben.

28. Februar 2013:

Die Kunstkammer Wien wird nach zehnjähriger Schließungs-, Planungs- und Bauzeit mit einem großen Festakt wiedereröffnet, die „Saliera“ ist wieder permanent ausgestellt. (APA)


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