Jordanier zeigen viel Mitgefühl für syrische Flüchtlinge

Eine halbe Million Syrer sind vor Krieg und Zerstörung nach Jordanien geflüchtet. Im Land sind die Flüchtlinge kaum sichtbar, doch die ökonomische Belastung ist für die Bevölkerung mittlerweile deutlich spürbar. Das Mitgefühl bei den Jordaniern ist dennoch groß.

Amman – Rund eine halbe Million syrische Flüchtlinge befinden sich laut dem Flüchtlingshochkommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) bereits in Jordanien. Man stellt sich vor, dass das Land mit seinen rund sieben Millionen Einwohnern im nicht abreißenden Flüchtlingsstrom aus dem bürgerkriegsgebeutelten Syrien untergehen müsste und man an jeder Straßenecke in der jordanischen Hauptstadt Amman syrisches Arabisch hören könne. Doch weit gefehlt: Denn auf den ersten Blick sieht man die Syrer nicht. Erst auf Nachfrage erzählen die Jordanier von ihren Begegnungen mit Syrern, für die sie viel Mitgefühl zeigen.

Für den 30-jährigen Jordanier Mahmoud aus der Küstenstadt Aqaba sei es „unvorstellbar“ das eigene Land zu verlassen und all sein Hab und Gut zurücklassen zu müssen. „Schrecklich ist das“, sagte er. Seine syrischen Verwandten aus Damaskus seien mittlerweile beinahe allesamt ins Ausland geflohen. Ein Teil von ihnen kam nach Amman zu ihren jordanischen Angehörigen. „Zurzeit leben sie bei meiner Familie“, erklärte Mahmoud. „Damit die finanzielle Last nicht zu groß wird, haben sich meine syrischen Verwandten auf verschiedene Onkeln und Tanten von mir in Amman aufgeteilt“.

Flüchtlinge ökonomische Belastung für die Bevölkerung

Für Familien wie jener Mahmouds sind nicht nur die syrischen Verwandten, die man „ohne Wenn und Aber“ bei sich aufnehme, eine finanzielle Belastung: Die Jordanier sehen sich auch mit einer ständig wachsenden Arbeitslosigkeit und immer niedrigeren Durchschnittslöhnen konfrontiert – und das bei einem sehr schwach ausgeprägten Sozialsystem, in dem man etwa die Arztkosten – außer in Ausnahmefällen – zur Gänze selbst tragen muss.

Schuld an den Lohnsenkungen trügen vor allem die Flüchtlinge: „Einerseits sind die Löhne bei uns in Jordanien sowieso nicht besonders hoch, und andererseits brauchen die Syrer unbedingt ein Einkommen“, so Mahmoud. Der Durchschnittslohn für Jordanier liege irgendwo zwischen 200 und 350 Euro monatlich. „Als Arbeitgeber würde ich auch eher einen Syrer nehmen, der die gleiche Arbeit zum halben Preis macht. Und das beginnen wir mittlerweile zu spüren“, erklärte er ohne jeglichen Anflug von Ärger in der Stimme.

Auch der 32-jährige Emad aus Aqaba zeigte trotz der bedenklichen Entwicklungen am Arbeitsmarkt großes Verständnis: „Es ist wie Lohndumping, das uns gerade passiert. Ich kann die Syrer wirklich verstehen, an ihrer Stelle würde ich auch jeden Job gegen wenig Geld annehmen. Aber ich bin besorgt darüber, wo das alles hinführen soll in den kommenden Monaten“, sagte er. „Wenn die Arbeitslosigkeit weiterhin stark ansteigt und unsere Löhne nicht einmal mehr für den Lebensunterhalt eines halben Monats – so wie derzeit – ausreichen, dann könnte es hier schon zu Problemen kommen“, so Emad. In welcher Form diese auftreten könnten, ließ er allerdings offen.

Der 54-jährige Touristenführer Mohammed zeigte sich in der Wüste von Wadi Rum über die Vorgänge in Syrien sehr betroffen: „Das ganze Land wird zerstört, auch das seit über 9000 Jahren durchgehend bewohnte Damaskus. Das muss man sich einmal vorstellen“, so Mohammed. „Das ist wirklich traurig.“ Er möchte helfen und überlegt eine syrische Flüchtlingsfamilie bei sich zuhause aufzunehmen. Aber er hat Bedenken, die ihn davor zurückschrecken lassen: „Das bedeutet eine sehr große Verantwortung und finanzielle Belastung für meine Familie und mich“, so Mohammed.

Große Ungewissheit über Zukunft

Auch der 22-jährige Mohammed aus Amman fühlte mit und äußerte gleichzeitig seine Besorgnis über die knappen Wasserressourcen des Königreichs. „Im Sommer wird es sehr heiß hier und wir haben wenig Wasser in Jordanien. Insgesamt eine Million Flüchtlinge (aus Syrien und dem Irak) ist sehr viel für unser Land und ich hoffe wirklich, dass niemand von uns in den kommenden Monaten Durst leiden muss.“ An eine Eskalation aufgrund der Ressourcenknappheit glaube er zwar nicht. „Aber natürlich fürchten wir uns davor, dass der Syrien-Konflikt auf Jordanien übergreift“, sagte er.

Die beiden über 50-jährigen Taxifahrer Omar und Ahmed machen sich derzeit keine Sorgen die nahe Zukunft betreffend: „Ich habe keine Angst vor einem Krieg“, sagte Omar. Derzeit sei die Lage in Jordanien „sehr stabil“. In einigen Monaten wäre eine Eskalation auf die eine oder andere Art aus seiner Sicht aber „durchaus vorstellbar“. Ahmed zeigte sich als einziger äußerst optimistisch: „In Syrien ist die Situation zwar sehr schlimm, aber hier wird es keine Probleme geben“, sagte der Taxler überzeugt. „Auch nicht mit den Kämpfergruppen im Norden“, präzisierte Ahmed in Anspielung auf Jihadisten und Salafisten, die sich im Norden des Landes aufhalten und sich von dort aus an den Kämpfen in Syrien beteiligen sollen. (APA)


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