Heißer Kandidat für Werder Bremen

Mit Austria-Trainer Peter Stöger hat ein Leiser der Trainerzunft in dieser Saison für lauten Beifall gesorgt. Den Meisterteller und den Cup-Pokal in Griffweite, wird er zudem durch das Interesse von Werder Bremen geadelt.

Von Hubert Winklbauer

Innsbruck, Wien –Es braucht nur noch einen Punkt aus den ausstehenden Spielen gegen Mattersburg und Red Bull – und die Austria Wien, seit 2006 ohne Titel, hat die Meisterschale gewonnen. Zudem ist der Pokal des Cupsiegers in Griffweite. Das Etikett Trainer des Jahres hat Austria-Coach Peter Stöger schon auf sich picken. Mittlerweile eilt ihm sein guter Ruf bereits voraus – bis nach Bremen. Dort hat sich Werder nach 14 Jahren von Cheftrainer Schaaf getrennt. Und sucht einen Nachfolger mit Stil. Einen, der als Spielerversteher gilt, der der Glamourwelt des Profifußballs gewachsen ist, einen mit Tiefe, mit Substanz, mit großem Wissen. Peter Stöger soll ein heißer Kandidat sein.

Sie werden bereits als Meistermacher gefeiert, sogar als künftiger Werder-Bremen-Trainer hoch gehandelt. Aber der Fußball schlägt zuweilen gravierende Kapriolen. Lauert versteckt die Angst, so knapp vor dem Ziel noch zu scheitern?

Peter Stöger: Es hat mit dem 0:4 gegen Wolfsberg ein Negativerlebnis gegeben, bei dem mir ein wenig mulmig geworden war. Aber man kann auch aus Rückschlägen wichtige und richtige Schlüsse ziehen. Das ist uns gelungen. Ich weiß, dass der Ruhm im Fußball ein scheuer Kerl ist. Er ist da, und oft schneller wieder weg, als man glaubt. Also genieße ich die Besonderheit unserer Situation. Dies zu tun, empfehle ich auch den Spielern.

Sir Alex Ferguson wurde bei seinem Abschied als ManU-Coach gefragt, was denn einen großen Trainer ausmache. Er hat die prägende Präsenz im täglichen Training an erster Stelle genannt.

Stöger: Einem wie Ferguson widerspricht einer wie Stöger grundsätzlich nicht. Im täglichen Umgang ist eine Mannschaft formbar, auf dem Trainingsplatz entsteht Vertrauen, Respekt, dort werden Korrekturen angebracht. Der Spieler muss fühlen, dass er unter wohlwollender Beobachtung steht, dass Fortschritte honoriert und Defizite angesprochen werden. Am besten gelingt diese Arbeit, wenn den Spielern nachvollziehbar ist, was der Trainer will.

Darüber hinaus zeichnet einen­ Trainer was aus?

Stöger: Menschenkenntnis. Das Wissen, dass nicht alle Menschen gleich sind. Ich fühle mich als Chef eines mittleren Unternehmens mit 25 Vorzeige-Angestellten. Mich interessiert, wie es denen geht, was sie privat bewegt, ob sie Probleme haben. Oder warum sie welche machen. Mich interessiert die Herkunft der Spieler, ihre Milieus. Nicht jeder will gleich geführt werden. Da entscheiden oft Nuancen. Die herauszufinden, ist auch eine meiner Aufgaben. Man darf ja nicht vergessen, dass Profikicker einer rigorosen Konkurrenzsituation ausgesetzt sind. Sogar im internen Wettstreit. Versagensängste sind latenter Begleiter in diesem Job. Dass in dieser Saison dennoch jeder unserer Spieler über sein Limit gegangen ist, hat uns stark gemacht.

Sie haben sich in einem Interview mit dem „Kicker“ Anfang 2013 gegen die Titulierung Konzepttrainer gewehrt. Dabei hat dieser Begriff ja Hochkonjunktur.

Stöger: Grundsätzlich ist ja ohnehin jeder Trainer ein Konzepttrainer. Wer geht schon ohne Konzept in ein Spiel oder in eine Saison? Aber die strikte Auslegung, die rigorose Variante liegt mir nicht. Da gibt es zu viele Gebots- und Verbotsschilder. Wir verlangen von den Spielern vorbildliches Verhalten auch außerhalb des Klubs, fordern Respekt, Vertrauen, Verantwortung. Gäbe es da noch rigorose konzeptionelle Vorgaben, geht irgendwann das verloren, wonach sich der Fan sehnt: Kreativität! Ich sehe es so: Das Konzept ergibt sich aus der Summe der individuellen Fähigkeiten einer Mannschaft. Es spielen ja auch die Bayern ein Konzept, das auf ihr Personal ausgerichtet ist. Die Dortmunder spielen einen anderen Fußball – weil sie andere Spielertypen haben. Und ohne Messi, Xavi und Iniesta würde Barcelona wohl auch anders spielen.

Unsere Bundesliga leidet ja auch darunter, dass mit der Fernbedienung jederzeit auf den internationalen Fußball umgeschaltet werden kann. Dort gibt es die vollen Stadien, die großen Atmosphären. Vor 80.000 Fans in Dortmund nimmt sich selbst ein Fehlpass als dynamisches Moment aus, bei unseren TV-Übertragungen fehlt das Ambiente selbst dann, wenn gut gespielt wird.

Stöger: So ist es! Aber man muss Fakten hinnehmen können. Der Fußball in Deutschland mit den ausverkauften Stadien ist eine andere Welt. Ich sehe es positiv: Es ist Werbung für unseren Sport. Aber 90 Minuten durchgängigen Klassefußball gibt es auch in den großen Ligen nur von den Topteams. Und nicht immer. Ich habe kein Problem damit, den FC Bayern zu bewundern. Aber auch keines, den österreichischen Fußball zu respektieren. Österreichischer Fußballmeister zu werden ist schwieriger, als viele denken. Wenn etwa Red Bull in Mattersburg und wir in Innsbruck um einen Sieg zittern müssen, heißt das doch, dass es eine Leistungsdichte gibt.

Würde es die auch bei einer angeblich angestrebten 16er-Liga geben?

Stöger: Nein. Es gibt ein begrenztes Reservoir an Klassespielern. Ich wäre gegen eine Aufstockung.

Weil es in der tipp3-Bundesliga schon genug Teams aus der Provinz gibt?

Stöger: Man kann ja den Klubs wie Ried, Mattersburg, Wr. Neustadt, Wolfsburg oder dem jetzigen Bundesliga-Aufsteiger Grödig nicht vorwerfen, als Provinzklubs gut gearbeitet zu haben. Eher müssen sich die Teams aus den Ballungsgebieten fragen, warum sie scheiterten.

Eines Ihrer ersten Spiele als Herbert-Prohaska-Nachfolger bei Austria Wien spielten Sie in Innsbruck gegen den FC Tirol. Die Tiroler siegten 3:1. Von Pezzey über Lindenberger, Hansi Müller­, Lainer, Garger, Pacult, Wohlfahrt, Obermaier, Zsak, Prohaska, Ogris standen an diesem 19. Oktober 1988 18 Teamspieler auf dem Feld. Spielt heute die Austria gegen Innsbruck, sind Nationalspieler locker an einer Hand abzuzählen.

Stöger: Wer gut ist, geht ins Ausland. So ist es. Man kann nicht alles haben. Entweder ist man stolz darauf, dass unsere Talente im Ausland gefragt sind. Oder man hadert damit, dass die nicht in Österreich geblieben sind. Fakt ist, dass die große Anzahl der Legionäre die Qualität des Nationalteams gehoben hat. Alaba könnte die Sehnsucht nach einem echten Führungsspieler stillen. Aber er ist nicht allein. Ich glaube, dass da ein großes ÖFB-Team im Entstehen ist.

Mit einem Schweizer Teamchef. Mit dem hatten Sie bei Ihrem ersten Länderspiel 1988 zu tun. Österreich verlor 1:2, das 1:0 für die Schweiz hat Marcel Koller erzielt. Sie erinnern sich?

Stöger: Wer kann sich nicht an sein erstes Länderspiel erinnern? Ich jedenfalls kann’s.

Sie haben danach noch 64 Länderspiele gemacht, 15 Tore geschossen. Sie sind vier Mal österreichischer Meister (drei Mal mit Austria Wien, ein Mal mit Rapid) geworden. Eine große Karriere als Aktiver, der eigentlich nur ein paar erfolgreiche Jahre im Ausland gefehlt haben. Wollen Sie die als Trainer nachholen?

Stöger: Ich habe als Trainer größere Visionen, als ich sie als Spieler hatte. Ich habe 2006 mit der Austria das Double­ geholt, vielleicht gelingt dies 2013 wieder – mal sehen, ob sich die etwas größere Fußballwelt für mich interessiert.

Bei uns tendiert man generell dazu, die Fußballvergangenheit zu heroisieren. Wurde in Ihrer aktiven Zeit ein besserer Fußball gespielt? Oder andersrum: Was hat sich im Fußball seit Ihrem Bundesliga-Debüt 1995 geändert?

Stöger: Meine Fußballhelden sind allesamt älter als ich. Gegen die Versuchung, die eigene aktive Zeit zu heroisieren, bin ich immun. Im Gegenteil: Mir sind aus dieser Zeit eher Fehlentwicklungen präsent, die es zukünftig zu vermeiden gilt. Der Fußball und das Rundherum haben sich extrem verändert. Ich rede gern von früher, wenn unter den Alten der Schmäh läuft. Aber für die Arbeit lässt die Rückschau kaum noch Schlüsse auf die Zukunft zu.

Hat es in Ihrer langen Karriere einen Spieler gegeben, in dem alles gebündelt war, was Sie sich als Trainer wünschen?

Stöger: Ja. Und auch wenn es ein wenig unbescheiden klingt – der heißt Peter Stöger.


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