Korruption mit Mutterliebe

Calin Peter Netzer gewann Anfang des Jahres in Berlin den Goldenen Bären mit „Mutter und Sohn“. Darin brilliert vor allem Rumäniens Kinostar Luminita Gheorghiu.

Von Peter Angerer

Innsbruck –Seit etwa zehn Jahren räumen rumänische Regisseure auf allen großen Filmfestivals die Hauptpreise ab und in allen diesen ausgezeichneten Arbeiten ist Luminita Gheorghiu die Hauptdarstellerin. In Cristi Puius „Der Tod des Herrn Lazarescu“ war sie die Sanitäterin, die einen armen Rentner durch die Klinikambulanzen von Bukarest führt, weil sich kein Arzt um den Sterbenden kümmern möchte. Der Film gewann 2005 die Cannes-Reihe „Un Certain Regard“. Cristian Mungius „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“, ein Abtreibungsdrama während der totalitären Ceausescu-Ära, gewann 2007 die Goldene Palme. Mungius Exorzismusfilm „Beyond the Hills“ unterlag 2012 Michael Hanekes „Amour“, drei Spartenpreise waren mehr als ein Trost. Luminita Gheorghiu hat aber auch schon bei Haneke gespielt. In „Code Inconnu“ war sie 2000 die rumänische Migrantin. Der Goldene Bär beim Festival in Berlin Anfang des Jahres für Calin Peter Netzers „Mutter und Sohn“ ist der Präsenz der Schauspielerin zuzuschreiben, denn Luminita Gheorghiu liefert in diesem Familiendrama eine beängstigende One-Woman-Show.

Cornelia (Luminita Gheorghiu) feiert ihren 60. Geburtstag im Kreis der rumänischen Elite. Ihrer besten Freundin muss die Jubilarin dennoch ihr Scheitern als Mutter gestehen. „Das Kind“, wir denken an einen Zehnjährigen, habe sie unlängst in ordinärer Weise beschimpft und sich weiteren Kontakt verbeten. Dahinter stecke bestimmt diese Person, die unlängst bei Barbu eingezogen sei.

Barbu (Bogdan Dumitrache) hat eher die Dreißig schon überschritten, ist Chemiker und ein unangenehmer und infantiler Charakter. Mit einem anderen SUV-Fahrer liefert er sich auf einer Landstraße ein Duell, das für ein Kind tödlich endet. Im Polizeiakt, den sich Cornelia sofort geben lässt, liest sich der Vorgang ganz schrecklich, lässt sogar wegen Totschlags eine Haftstrafe von zehn Jahren erwarten. Nach ersten Aggressionen gegen privilegierte Bürger zeigen sich die Ermittler nach Interventionen von oben und der Unterstützung bei einer Baubewilligung bald entgegenkommender. Aus der von Barbu eingestandenen Geschwindigkeit von 150 Stundenkilometern werden 70 und überhaupt: Trägt nicht der Vater des Opfers die Hauptschuld, da er das Kind nicht über die Gefahren im Straßenverkehr aufgeklärt hat?

Calin Peter Netzer begibt sich bei seiner Inszenierung mit einer eher verwirrenden Handkamera auf eine Gratwanderung, denn seine Cornelia, die ihre Verachtung für Menschen und Armut als Schutz- und Schmutzschild vor sich herträgt, muss irgendwann auf ihrem Weg durch diesen Dschungel aus Korruption und Mutterliebe unerträglich werden. Als die Mutter auf Empfehlung der Behörde der Opferfamilie einen Kondolenzbesuch abstattet, um die Trauernden von einer Klage abzubringen, setzt sie auf Solidarität, wenn sie sagt: „Sie haben doch noch ein zweites Kind, ich habe nur dieses eine!“ Es ist eine selbstlose Trotzigkeit, mit der Luminita Gheorghiu ihre Mutter ausstattet und die letztlich sprachlos macht, weil man zwei Stunden fasziniert dieser Tragödie folgt.


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