Durch das Auge die Seele entblößt

Der Mensch steht im Mittelpunkt der Fotokunst von Inge Morath: zu sehen im Innsbrucker FO.KU.S.

Von Edith Schlocker

Innsbruck –Die Fotografin Inge Morath hatte die Gabe, immer im richtigen Moment auf den Auslöser ihrer Kamera zu drücken. Dieser Tage wäre die gebürtige Grazerin, die 2002 in den USA gestorben ist, 90 Jahre alt geworden. Sie war die erste Frau, die 1955 in die legendäre Pariser Fotoagentur Magnum aufgenommen worden ist. Damals eine kleine Sensation für diesen egalitären „Boys-Club“ – so Kurt Kaindl, Kurator der Morath-Schau im FO.KU.S – , in den die junge Autodidaktin einen gewissen weiblichen Blick eingebracht hat. Um sich dadurch deutlich von jenem der kampferprobten Haudegen wie Robert Capa oder Henri Cartier-Bresson abzugrenzen.

Begonnen hat Inge Morath allerdings als Texterin bei Magnum. Ihre ersten Fotografien schickte sie unter einem Pseudonym an die Agentur – und sie fanden Gnade vor den strengen Augen der Kollegen. Die 50er-Jahre waren die große Zeit der Reportagefotografie und auch von Inge Morath. Im Auftrag renommierter Zeitschriften war sie in der ganzen Welt unterwegs und sie hatte den Luxus, viel Zeit zu haben. Um Fotoserien zu machen, die weit über den eigentlichen Auftrag hinausgegangen sind.

Was Inge Morath interessiert hat, war primär der Mensch in seinem spezifischen kulturellen Kontext. Um sich ihm mit respektvoller Empathie zu nähern, was Bilder möglich gemacht hat, die total ungekünstelt daherkommen. Und heute über ihre künstlerische Potenz hinaus bereits wichtige Dokumente einer Zeit sind, die fast zu friedlich zu sein scheint. Und diese allzu positive Sicht auf die Welt wurde ihr auch oftmals zum Vorwurf gemacht. Was für sie allerdings sehr viel mit ihr selbst zu tun hatte: „Man vertraut seinem Auge und entblößt doch zwangsläufig seine Seele.“

Anlässlich der Übersiedlung des Innsbrucker Französischen Kulturinstituts vor rund zehn Jahren wurde in dessen Keller eine Kiste mit Magnum-Fotografien u. a. auch von Inge Morath gefunden und im Fotoforum ausgestellt. Als Schau, die mit dem gesamten Werk der Ausnahmefotografin vertraut macht, ist die im FO.KU.S allerdings die erste in Tirol. Und ihre erst in den letzten Jahren in ihrer künstlerischen Potenz erkannten Farbbilder sind überhaupt erstmals nach dem Pariser Centre Pompidou nun in Europa zu sehen.

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Morath fotografierte in Farbe, „dort, wo ich Farben sehe“, und das war offensichtlich sehr oft nicht der Fall. Selbst ihre Venedig-Impressionen sind in Schwarz-Weiß und letztlich so „farbig“, wie sie real farbig nie sein könnten. Wichtiger war ihr hier allerdings die Wahl ungewöhnlicher Motive, ein Ausleben ihres Faibles für das Skurrile, bisweilen auch hintergründig Surreale.

Die Bilder, die sie von ausgedehnten Reisen u. a. in den Nahen Osten, durch Europa, in die USA oder den Iran unternommen hat, hat Morath dagegen meist in Farbe geschossen. Die sie wiederum bei ihren wunderbaren Porträts praktisch immer vermieden hat. Etwa von ihrem Mann Arthur Miller, den sie als Set-Fotografin für den Film „The Misfits“ dessen Star Marilyn Monroe ausgespannt und zwei Jahre später dann auch geheiratet hat.


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