Microsoft blieb bei Präsentation Antworten schuldig

Viele brennende Fragen ließ Microsoft am Dienstag unbeantwortet. Vor allem die Händler von gebrauchten Spielen müssen zittern.

Von Lukas Schwitzer

Innsbruck – Nicht Xbox 720, auch nicht Xbox Infinity. Nein, Xbox One nennt sich die am Dienstagabend in Seattle vorgestellte neue Spielkonsole aus dem Hause Microsoft, die für viele eigentlich keine Spielkonsole mehr ist. Microsoft macht den Nachfolger der Xbox 360 vielmehr zu einem kompletten Unterhaltungssystem, das neben Spielen auch Musik, Filme, Fernsehen und Internet-Surfen in einem einzigen Gerät verbinden soll.

Microsoft setzt Entwicklung fort

In Ansätzen hatte sich bereits die Xbox 360 in ihrer siebenjährigen Geschichte hin zu einer Multimedia-Zentrale entwickelt, für Microsoft ist die Abkehr von der Spiel-Fixierung daher eine logische Weiterentwicklung. Spieler werden dies natürlich verbreitet anders sehen. Die bereits im Februar in Ansätzen präsentierte Playstation 4 von Konkurrent Sony legt den Fokus deutlich stärker auf den Spiele-Aspekt, auch wenn die Geräte von ihrer Ausstattung her sehr ähnlich ausfallen. Beide sehen sich mit einem durch den Erfolg kleiner Smartphone- und Tablet-Spiele deutlich komplizierteren und umkämpfteren Spiele-Markt konfrontiert, setzen aber auf zum Teil völlig konträre Lösungen, um auf diesem bestehen zu können.

Verdeutlicht wurde dies durch die weitgehende Abwesenheit von Spiele-Eindrücken während der Xbox-Präsentation in Seattle. Ein großer Teil der Zeit wurde vielmehr der Einbindung von Fernsehprogrammen, Skype-Chats oder Sport-Veranstaltungen gewidmet. Die wenigen vorgestellten Spiele waren zudem hauptsächlich solche, die auch für die Playstation 4 erscheinen dürften. Die Zielgruppe der Xbox One sind also längst nicht mehr die klassischen „Hardcore-Gamer“, die sich nach beiden Präsentationen wohl eher von der Playstation 4 angesprochen fühlen dürften. Das Kaufargument für Microsofts nächste Generation ist vielmehr die Möglichkeit, sämtliche Unterhaltungselektronik im Haushalt in einem Gerät verbinden und auf diesem eventuell auch mal zocken zu können.

„Nicht nur für Microsoft ein logischer Schritt“

„Die Verschiebung von reinen Spieleplattformen zu Unterhaltungslösungen ist nicht nur für Microsoft ein logischer Schritt“, so Thomas Plattner vom Innsbrucker Spielehändler Gameware. „Bereits die aktuelle Generation besteht aus Unterhaltungsgeräten: Internet, Filme, Social Media. Alles bereits Bestandteil der Xbox 360, PlayStation 3 und sogar der Nintendo Wii wie auch der PlayStation Portable. Dies ist eine Entwicklung, die analog zu Handys und Tablets, oder auch dem Schlagwort Smart TV, verläuft. Auch diese Geräte sollen alles können. Elektronische Güter sind die Chimären der heutigen Zeit.“

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Was die Steuerung anbelangt, will Microsoft seine Xbox One jedenfalls deutlich von der Konkurrenz abheben. Nicht nur wurde die Bewegungssteuerung Kinect deutlich verbessert, auch Sprachsteuerung soll stärker integriert werden. So soll es möglich sein, das Gerät nur mit einem mündlichen Befehl einzuschalten und sich auch ohne Controller durch die Menüs zu navigieren. Was dabei zu bedenken ist: Um auf Sprachbefehle reagieren zu können, muss das Gerät immer in einer Art erweitertem Standby-Modus bleiben, in dem auch die Kinect-Kamera zumindest zum Teil aktiviert sein könnte. Wie Microsoft hier Bedenken der Nutzer bezüglich ihrer Privatsphäre zerstreuen will, muss sich erst noch zeigen. Plattner sieht die Aufregung hier als übertrieben an: „Bezogen auf das ‚always on‘ des Kinect-Sensors fällt das nicht so schwer ins Gewicht, da Microsoft bereits bestätigt hat, dass die Funktionalität lokal und nicht in der Cloud durchgeführt wird. Selbstverständlich wird Microsoft einen Teil dieser Daten anzapfen und analysieren, wobei wir doch von einer anonymen Generalisierung ausgehen.“

Bei Details wird auf die E3 vertröstet

Generell wirkte Microsoft auf die eigene Präsentation schlecht vorbereitet, viele Antworten auf brennende Fragen mussten auf später verschoben werden. Mehr Details soll es, wie auch zur Playstation 4, auf der Gaming-Messe E3 im Juni in Los Angeles geben. Und auch innerhalb des Konzerns dürfte derzeit einiges an Verwirrung und Chaos herrschen. In Artikeln der Technologie-Magazine Wired und IGN wurden Microsoft-Vertreter mit der Aussage zitiert, es sei eine Abgabe zu bezahlen, wenn man ein bereits gekauftes Spiel auf einer anderen One-Konsole spielen möchte. Wenig später wurde diese Meldung via Twitter dementiert.

Ein Bericht des Branchen-Blogs Kotaku zitierte gleichzeitig Microsoft-Vize Phil Harrison, der erklärte, die Xbox One müsse zwar nicht ständig online sein, wie vor der Präsentation verbreitet befürchtet worden war, allerdings sei es notwendig, das Gerät zumindest einmal alle 24 Stunden mit dem Internet zu verbinden, um es umfassend nutzen zu können. Auch diese Aussage wurde wenig später von Microsoft dementiert, Harrisons Information sei nur „ein potentielles Szenario“. Gameware-Geschäftsführer Chris Veber sieht die Unklarheit als Resultat der noch immer laufenden Arbeit am Gerät: „Ich glaube, sie schauen bis zur Veröffentlichung, wie weit sie gehen können mit Onlinezwang und Kontrolle des Gebrauchtspiele-Markts. Sie arbeiten daran, möglichst viel Zwang und Profit rauszuholen, bei gerade noch tolerierbarem Unmut der Community.“

Was wird aus dem Markt für gebrauchte Spiele?

Bis zur E3 hat Microsoft in jedem Fall noch einiges an Aufklärungsarbeit vor sich. Noch ist völlig unklar, welche Schikanen Xbox One-Spieler zum Zweck der Bekämpfung von Raubkopien und der Einschränkung des Weiterverkaufs von Spielen auf sich nehmen müssen. „Der Gebrauchtspiele-Markt wird sicher massiv leiden“, zeigen sich die Gameware-Betreiber überzeugt. „An diesem Kuchen mitzuschneiden, ist schon seit geraumer Zeit ein Wunsch der gesamten Industrie, die darin einen Umsatzentgang sieht. Das Geschäftsmodell von Gamestop, das primär auf dem Gebrauchthandel aufbaut, wird darunter leiden. Ich sehe generell einen Trend der Publisher zum digitalen Direktvertrieb, der irgendwann – in hoffentlich ferner Zukunft – Händler wie uns obsolet macht.“


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