Eine Wiedergeburt in der Dschungelsauna

Ein heißer Aufguss bei tropischer Hitze? Im Herzen Chiapas, dem südlichsten Bundesstaat Mexikos, schwören die Maya darauf. Aber nicht weil sie Orgien feiern, wie die Eroberer im 16. Jahrhundert glaubten.

Von Laura Salm-Reifferscheidt

Palenque –Das laute Brüllen, das aus dem dichten Dschungel kommt, lässt mich zusammenzucken. Es klingt, als ob sich eine Horde Löwen über einen schreienden Esel hermachen. Schnell entsinne ich mich, dass es in Mexiko gar keine Löwen gibt und mein Führer Jose beruhigt mich auch gleich. Es sei nur das Heulen der Brüllaffen, die sich in den Wipfeln der gigantischen Tropenbäume verstecken, die die Ruinen von Palenque umschließen.

Keine fünf Prozent dieser ehemaligen Mayametropole im Herzen von Chiapas, Mexikos südlichstem Bundesstaat, sind bis heute ausgegraben worden. Doch diese sind einen Besuch wert. Die Überreste der Stadt liegen auf einer Terrasse, von der aus der Blick weit über die grüne Ebene reicht, die sich zu Füßen der Ausgrabungsstätte erstreckt. Kleine Bäche schlängeln sich zwischen den Tempeln und Palästen hindurch. Besonders beeindruckend ist der Palast der Inschriften, der über 21 Meter in den Himmel reicht. In seinem Inneren fanden Archäologen eine Grabkammer mit dem Sarkophag des Priesterkönigs Pacal, der im späten 7. Jahrhundert herrschte. „Damit der König nach seinem Tod nicht alleine in die Unterwelt ziehen musste, wurden fünf Männer und Frauen vor seinem Grab geopfert“, erklärt Jose. Gegenüber dem Tempel liegt der Große Palast, wo die Herrscher einst wohnten. Ich erklimme die steilen Stufen des Gebäudes.

Stucküberreste an einer Wand des Palastes zeigen Männer mit seltsam verformten Köpfen, die sicherlich die Herzen von Science-Fiction-Fans höherschlagen lassen. Doch die abgebildeten Figuren waren keineswegs Außerirdische, sondern vielmehr die Adeligen unter den Mayas. Es war üblich, Babys ein Brett vor den Kopf zu binden, damit sich dieser länglich verformte. „Das war damals das Schönheitsideal. Auch der Maisgott, der für Fruchtbarkeit und Leben steht, wurde immer mit einem Kopf in Form eines Maiskolbens dargestellt“, klärt mich Jose auf.

Die feucht-tropische Luft und all das Auf und Ab haben mich erschöpft. Ich sehne mich nach einer Erfrischung. Und so fahre ich zu den Wasserfällen von Roberto Barrios. Das Dorf, das kaum eine Stunde Fahrt von Palenque entfernt liegt, besteht bloß aus ein paar kleinen Häusern und einer verfallenen Kirche aus Stein. Über einen Pfad erreiche ich den Fluss, der über mehrere Kaskaden den Hang hinunterfließt. Dazwischen laden natürliche Becken mit türkisgrünem Wasser zum Baden ein. Ich bin im Paradies gelandet. Kein Tourist scheint sich je hierher zu verirren. Zwei kleine Jungs aus dem Dorf geben mit ihren Saltokünsten an. Zum Abschied schenken sie mir eine Blume.

Zurück in Palenque lasse ich den Tag in einem Temazcal, einer traditionellen mexikanischen Schwitzhütte, ausklingen. Schon für die Mayas, Azteken, Mixteken und Zapoteken war das Bad in einem Temazcal ein wichtiger Bestandteil ihrer medizinischen Praxis.

Als die spanischen Konquistadoren Anfang des 16. Jahrhunderts nach Mexiko kamen, stießen sie in fast jedem Haus auf eines dieser aus Steinen oder Lehm gebauten Hütten, ähnlich einem Pizzaofen. Sie waren entsetzt. Denn Männer und Frauen saßen für gewöhnlich gemeinsam und auch noch nackt darin und gaben sich hemmungslos dem Schwitzen hin. Die Eroberer waren überzeugt davon, dass in den engen, heißen Räumen wilde Orgien gefeiert wurden.

Und so verboten sie die Praxis und zerstörten die Temazcal, wo sie nur konnten. Doch zum Glück hat die Tradition in den letzten Jahren wieder einen Aufschwung erfahren. Und so finde ich im Garten eines Hotels, nur ein paar Kilometer von den Maya-Ruinen entfernt, ein Temazcal. Während der Temazcalero Francesco meine Sitzung im Schwitzbad vorbereitet, erklärt er mir, was mich erwartet. Er zeigt auf das Temazcal, an dem das Abbild des Azteken-Gottes Tlaltecuhtli, dem Herren der Erde, prangt. Ähnlich wie in der Sauna werden darin heiße Steine mit Kräutersud begossen, um Hitze und Dampf zu erzeugen. Der Körper erreicht Temperaturen wie bei einem Fieber. Der Kreislauf fährt hoch, der Herzschlag wird schneller.

Gifte werden ausgeschieden. Doch es gehe bei der Prozedur nicht allein um die körperliche Heilung, sondern auch darum, meine Seele zu reinigen. Dafür seien die Götter und die kosmischen Energien zuständig.

So finde ich mich kurze Zeit später im dunklen, heißen und dampfigen Inneren der Hütte wieder und wiederhole immer und immer wieder den meditativen Sprechgesang, den Francesco mir vorsingt: „Wasser mein Blut, Erde mein Körper, Luft mein Atem und Feuer mein Geist.“

Dazwischen spielt er eine tiefe, schöne Melodie auf einer kleinen, tönernen Pfeife. Und tatsächlich, als ich nach fast einer Stunde aus dem Temazcal krieche und mich unter dem Sternenhimmel auf einer Liege ausstrecke, ist mein Geist beflügelt und mein Körper wie neugeboren. Die Götter habe ihre Arbeit gut gemacht.


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