Schwache China-Daten schicken Börsen weltweit auf Talfahrt

Die schwachen Daten aus China schickten die Leitbörsen in Europa in Fernost auf Talfahrt. Der DAX unterbrach seine zwölftägige Gewinnserie, der ATX sackte um 2,79 Prozent ab.

Wien/Frankfurt/Tokio - Überraschend schwache Daten zum chinesischen Einkaufsmanagerindex haben die europäischen Leitbörsen am Donnerstag auf Talfahrt geschickt. Der Euro-Stoxx-50 fiel im Vormittagshandel um klare 2,62 Prozent auf 2.760,60 Einheiten. Der deutsche Leitindex DAX büßte gegen 11.00 Uhr 2,63 Prozent auf 8.306,23 Punkte ein und unterbrach damit seine zwölftägige Rekordfahrt. Dem schwachen europäischen Umfeld folgend sackte in Wien auch der ATX um klare 2,79 Prozent auf 2.425,18 Punkte ab.

Vor allem Autowerte unter Druck

Die europäischen Aktienmärkte folgten den schwachen asiatischen Börsen in den roten Bereich, so Marktteilnehmer. In Tokio brach der Nikkei-225 um satte 7,3 Prozent ein und auch die übrigen Leitbörsen in Fernost zeigten sich tiefrot, nachdem der von der Großbank HSBC ermittelte Einkaufsmanagerindex für China von April auf Mai um 0,8 Punkte auf 49,6 Zähler unerwartet gesunken war. Damit fiel der Index zum ersten Mal seit sieben Monaten unter die Wachstumsschwelle von 50 Punkten.

Daneben wirkten die mit Ernüchterung aufgenommenen Aussagen des US-Notenbankchefs Ben Bernanke vom Mittwochabend nach. Bernanke hatte am Vortag vor dem US-Kongress gesagt, dass das Tempo der monatlichen Anleihekäufe bei den nächsten Fed-Sitzungen gedrosselt werden könnte.

Unter Druck gerieten in Europa vor allem Autowerte. Im Euro-Stoxx-50 rangierten dementsprechend Volkswagen (minus 3,5 Prozent) und Daimler (minus 4,42 Prozent) weit unten auf der Kurstafel. Klar im Minus tendierten aber auch Finanztitel.

Öl- und Goldpreis im Minus

Dramatischer Einbruch auch an der Börse in Tokio: Der Nikkei-Index für 225 führende Werte stürzte am Donnerstag um mehr als 1000 Punkte in den Keller. Zum Handelsende notierte das Börsenbarometer einen massiven Abschlag von 1.143,28 Punkten oder 7,32 Prozent beim Stand von 14.483,98 Punkten. Der breit gefasste Topix stürzte um 87,69 Punkte oder 6,87 Prozent auf 1.188,34 Punkte ab.

Die Daten aus China haben den Brent-Ölpreis am Donnerstagvormittag deutlich belastet. Der als wichtige Ölpreisbenchmark geltende Future auf die Rohölsorte Brent notierte gegen 11.00 Uhr in London bei 101,43 Dollar je Barrel (159 Liter). Am Mittwoch notierte der Brent-Future zuletzt bei 102,60 Dollar.

Der Preis für OPEC-Öl ist am Mittwoch auf 100,36 Dollar pro Barrel gefallen. Am Dienstag hatte das Barrel nach Angaben des OPEC-Sekretariats in Wien noch 101,39 Dollar gekostet. Der OPEC-Preis setzt sich aus einem Korb von zwölf Sorten zusammen.

Der Goldpreis zeigte sich ebenfalls mit Kursverlusten. Im Londoner Goldhandel wurde heute gegen 11.00 Uhr die Feinunze (31,10 Gramm) bei 1.387,00 Dollar (nach 1.408,50 Dollar im Nachmittags-Fixing am Mittwoch) gehandelt.

Keiner glaubt mehr an schnellen Aufschwung

Sorge bereitet den Börsianern insbesondere, dass der Auftragseingang in China zurückging. Der entsprechende Index fiel auf 49,5 Punkte, der schwächste Wert seit September. Die Daten verdeutlichen die Unwägbarkeiten bei der Erholung der nach den USA zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt. Der Binnenmarkt war nicht in der Lage, das schwache Exportgeschäft auszugleichen, wie der Chefvolkswirt der HSBC für China, Qu Hongbin, schreibt. Wegen der schwachen Erholung in den USA sowie der Schuldenkrise in Europa ist die Nachfrage aus dem Ausland dürftig.

„An einen schnellen Aufschwung, wie er noch nach der Krise 2008/09 zu beobachten war, glaubt wohl keiner mehr“, so Ökonom Frederik Kunze von der NordLB. Die Details des Einkaufsmanager-Index zeigten einen „erschreckend schwachen Zustand“ der chinesischen Wirtschaft, ergänzt VP-Volkswirt Gitzel.

Das Bruttoinlandsprodukt im Reich der Mitte wuchs 2012 nur noch um 7,8 Prozent. Es war die geringste Zuwachsrate seit 13 Jahren. Analysten halten das von der Regierung ausgegebene Wachstumsziel von 7,5 Prozent für dieses Jahr für erreichbar - doch wäre es das schwächste Plus seit 23 Jahren. Der internationale Währungsfonds (IWF) veranschlagt für das asiatische Schwellenland 2013 allerdings ein Wachstum von 8,0 Prozent. China ist die Konjunkturlokomotive für die Weltwirtschaft, die nach IWF-Schätzung 2013 um 3,3 Prozent wachsen soll.

Damit Chinas Wirtschaft dauerhaft unter Dampf bleibt, will die neue Staatsführung das Land mit Reformen statt mit Konjunkturspritzen auf Wachstum trimmen. Doch die Mühlen des kommunistischen Regierungssystems mahlen langsam: Das Zentralkomitee wird voraussichtlich erst im Oktober grünes Licht für die Pläne von Präsident Xi Jinping geben. (APA/dpa/Reuters)


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