Antwerpens Geschäft mit den funkelnden Steinen

Milliardengeschäft hinter schlichten Betonfassaden: Antwerpens Diamantenviertel muss sich dem Lauf der Zeit anpassen. Aber der Handel mit den Edelsteinen floriert noch immer - dank des neuen Wohlstands in Indien und China.

Von Sebastian Kunigkeit, dpa

Antwerpen – Der Raum, in dem Diamanten ihr Funkeln erhalten, sieht aus wie ein Trödelladen. Werkzeuge liegen herum, dazwischen Geräte, die aus der Zeit gefallen scheinen: ein verstaubtes Tastentelefon, ein winziger Röhrenfernseher, ein Toaster. Mitten in diesem Wirrwarr sitzt Pieter Bombeke mit den wertvollen Steinen vor einer surrenden Schleifplatte. Zwischen den strubbeligen grauen Haaren seines Schnurr- und Kinnbarts bleibt das breite Lächeln fast verborgen. „Der Stein ist im 18. Jahrhundert geschliffen worden“, vermutet er und deutet auf den kleinen Diamanten in seiner Zange. „Der hat Glanz, aber kein Feuer.“

Wieder und wieder führt der Meisterschleifer, der Anfang 60 ist, das Werkzeug auf die rotierende Platte. Jedes Mal verliert der Diamant ein wenig Gewicht und gewinnt an Form. Im unscheinbaren Hausflur zu seiner Werkstatt hängen gleich drei Kameras. Hinter fast jeder Tür werden hier im Antwerpener Diamantenviertel Steine geschliffen, gehandelt, geprüft. Ein milliardenschweres Geschäft - und auch für Kriminelle eine Versuchung, wie der spektakuläre Raub einer Diamantenlieferung am Brüsseler Flughafen im Februar zeigte.

Antwerpen ist vor allem Handelszentrum

Die Zeit, als Antwerpen einer der wichtigsten Standorte für Diamantenschleifer war, ist lange vorbei. Die Handarbeit wird heute zum Großteil anderswo erledigt - Antwerpen ist vor allem Handelszentrum. „Wir haben einen Niedergang der Menge an Diamanten gesehen, die hier geschliffen werden“, sagt Caroline De Wolf vom Antwerpener Weltzentrum für Diamanten (AWDC). In Ländern wie Indien und China ist der Lohn für die Schleifer deutlich günstiger. „Das ist ein Wettbewerb, den man nicht gewinnen kann.“

Auch im Diamantenhandel werden die Karten seit einiger Zeit neu gemischt. Zwar konnte Antwerpen seine Vorrangstellung halten. Doch auf der von zahllosen Kameras überwachten Straße im Diamantenviertel sind die alteingesessenen Händler mit jüdischer Kippa oder Schläfenlocken inzwischen in der Minderheit. Dafür sind immer mehr Inder und Asiaten zu sehen.

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Händler exportierten 2012 Diamanten im Wert von 20,5 Milliarden Euro

„Wir sind immer noch die Nr. 1 im Großhandel“, sagt De Wolf. „80 Prozent aller Rohdiamanten und 50 Prozent aller geschliffenen Diamanten werden in Antwerpen gehandelt. Eine ziemlich große Zahl für eine einzige Straße.“ 1800 Firmen sind hier vertreten. 2012 exportierten die Händler in Antwerpen nach Angaben des AWDC rohe und geschliffene Diamanten im Wert von 26,7 Milliarden US-Dollar (20,5 Milliarden Euro). Die Delle des Krisenjahrs 2009 ist überwunden, auch bei den Preisen.

Die Nachfrage auf dem Weltmarkt ist groß, vor allem dank des wirtschaftlichen Aufschwungs in großen Schwellenländern und einer vergleichsweise geringen Fördermenge. Gerade in Indien und China werden mehr Diamanten gekauft. „Immer mehr Konsumenten übernehmen dort die westliche Praxis, Diamantenschmuck zur Verlobung, Hochzeit und Jahrestagen zu verschenken“, heißt es in einer Marktstudie von Bain & Company.

„Das Wachstum, das wir in den vergangenen Jahren auf den Märkten in Indien und China gesehen haben - im Gegensatz zum realen Rückgang auf den traditionellen westlichen Märkten - lässt keine Zweifel, in welche Richtung der Handel sich entwickelt“, resümierte der Präsident des Weltverbands der Diamantenbörsen, der Südafrikaner Ernest Blom, im vergangenen Jahr. Wohl kein Zufall: Das Treffen fand in der indischen Finanzmetropole Mumbai statt.

Diamantenviertel ist klein und übersichtlich

Von den Großraumbüros des Antwerp World Diamond Centres aus wird beim Blick über die quirlige Hoveniersstraat klar, wie klein das traditionsreiche Diamantenviertel ist. Übersichtlich. „Das macht es den Leuten einfacher, zu handeln“, sagt De Wolf. „Deshalb fällt es uns leichter, ein hohes Sicherheitslevel zu schaffen.“

Entsprechend geschockt reagierten die Händler auf den millionenschweren Coup am Brüsseler Flughafen. Schwer bewaffnete Kriminelle erbeuteten Edelsteine im Wert von 50 Millionen US-Dollar. „Wir finden es schwer verständlich, wie ein solcher Raub passieren konnte“, erklärte das AWDC damals. Später wurden mehrere Tatverdächtige geschnappt.

Sicherheit ist ein wichtiger Standortfaktor

Sicherheit ist ein wichtiger Standortfaktor. Ebenso wie Tradition, Fachwissen und Qualität - mit diesen Tugenden will die alte Diamantenstadt Antwerpen sich im internationalen Wettbewerb behaupten. Inwieweit die Wette aufgeht, ist offen. (dpa)


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