Das beste Stück gibt Herzalarm

Erektionsstörungen sollten rasch abgeklärt werden: Oft weisen sie auf ein Diabetes- oder Infarktrisiko hin.

Von Elke Ruß

Innsbruck –Die Lust ist da, aber das beste Stück spielt nicht mit. Ob die Erektion ausbleibt oder alles zu schnell vorbei ist – im Schnitt kennen 20 bis 30 Prozent der Männer bis 50 Potenzschwierigkeiten, weiß Androloge Germar-Michael Pinggera von der Innsbrucker Uni-Klinik für Urologie. Für Tirol bedeutet das 70.000 bis 80.000 Betroffene – wobei die Wahrscheinlichkeit mit dem Alter deutlich steigt: Während bei den 20- bis 30-Jährigen etwa 24 Prozent betroffen sind, sind es in der Gruppe der 70- bis 80-Jährigen sieben von zehn.

Hieß es früher, Betroffene müssten nur zum Arzt, „wenn ein Leidensdruck da ist“, hat sich das gravierend gewandelt. Eine psychische Ursache liege nur bei zehn bis 20 Prozent der Betroffenen vor, sagt der Spezialist. Heute gilt der Penis auch als „Antenne des Herzens. Eine erektile Dysfunktion kann erstes Anzeichen einer Herzkranzgefäßerkrankung oder eines Myocardinfarkts sein“, mahnt der Spezialist.

Den Zusammenhang erklärt Pinggera anhand einer Tafel, die Querschnitte diverser Blutgefäße zeigt. Der Durchmesser der Penisgefäße misst nur 1,2 Millimeter – einen Bruchteil der Herzarterie. Plötzlich ist es ganz logisch, dass sich Arterienverengungen durch Blutfette oder Kalk zuerst im Penis bemerkbar machen. „Die meisten Männer warten aber im Schnitt drei Jahre, bis sie zum Arzt gehen.“ Sie verschenken damit wertvolle Zeit für Lebensstiländerungen.

Ängste vor unangenehmen Prozeduren seien unbegründet. „In erster Linie reden wir mit dem Patienten“, betont Pinggera, dass eine äußerliche Untersuchung nur ein Teilaspekt ist. Es werde sorgfältig abgefragt, wie, wann und wie oft sich die Störung äußert, und auch, wie es der Partnerin geht. Abgeklärt werden weiters der Hormonstatus und Risikofaktoren wie Übergewicht, Cholesterin, Diabetes und Hypertonie: 71 Prozent der Diabetiker und 67 Prozent der Bluthochdruckpatienten leiden laut Pinggera auch an einer erektilen Dysfunktion, doch viele wissen nichts vom organischen Leiden dahinter.

„Wir schauen auch genau, welche Medikamente der Mann nimmt.“ Ab und zu reiche es schon, ein Bluthochdruckmittel umzustellen. „Auch Rauchen ist ein extremer Faktor.“ Hochrisikopatienten würden zum Internisten überwiesen. „Wenn es keine klassischen Risikofaktoren gibt, macht man einen Ultraschall, damit kann man quantifiziert messen, ob genug frisches Blut in den Penis fließt bzw. ob womöglich zu viel wieder herausfließt.“ Ein arterielles Problem werde in der Regel medikamentös mit PD5-Hemmern behandelt. „Viagra ist da perfekt“, sagt der Arzt, warnt aber vor Eigentherapie: „Wenn z. B. eine Hormon­störung vorliegt, wird Viagra nicht viel bringen, dann muss man Hormone ersetzen.“ Bei Bedarf würden Patienten ergänzend an Sexualtherapeuten verwiesen. Manchmal müsse auch die Partnerin behandelt werden (Libidoverlust, Schmerzen).

15 bis 18 Prozent der betroffenen Männer hätten aufgrund einer Voroperation Schwierigkeiten, weil z. B. eine Nervenbahn durchtrennt wurde. Auch da helfe Viagra nicht ausreichend. „Da muss man ein lokal wirksames Medikament geben, das man in die Harnröhre oder in den Schwellkörper appliziert.“ Wie er versichert, würden die Patienten so gut aufgeklärt und angelernt, „dass die Anwendung stressfrei erfolgen kann“.

In seltenen Fällen sei eine OP „unumgänglich“, etwa wenn die Impotenz mit einer Penisver­krümmung (z. B. durch Narbenbildung nach einer Biegever­letzung) zu tun habe. Bei manchen Patienten sei ein Implantat angeraten: Bei dieser „Penisprothese“ wird in den Schwellkörper ein System eingebaut, das mit Hilfe eines flüssigkeitsgefüllten Ballons aufgepumpt wird. Dieser wird im Bauch versteckt, „man sieht nichts!“.

Pinggera will Männern die Scheu vor der frühen Abklärung nehmen, „weil sie mehrfach profitieren können: bei der Potenz, bei der Gesundheit und beim Überleben“.


Kommentieren


Schlagworte