Im Operndorf lebt Monsieur Christoph fort

Mit der Finalisierung des Gesundheitszentrums im Operndorf in Burkina Faso rückt die dritte Bauphase – das Festspielhaus – in greifbare Nähe.

Von Elke Ruß

Ouagadougou –Eine fröhliche Kinderschar strömt auf die Kantine zu, ein Jeep setzt einen deutschen Fachmann vor dem Planungspavillon ab, der gummibestiefelte Bauleiter stapft zielstrebig durch das staubtrockene Gelände – im Schlepptau eine Gruppe von Besuchern, sichtlich ermattet von der für Ende März viel zu prallen Mittagshitze.

Ohne Zweifel: Im Operndorf Afrika, das 30 Kilometer nordöstlich von Ouagadougou nach einer Vision des 2010 verstorbenen Regisseurs Christoph Schlingensief entsteht, herrscht Leben. Stolz führt der Bauleiter zu einem gelb verputzten Quader: „Hier ist das Gesundheitszentrum.“ Bis auf die Innenausstattung scheint alles Wesentliche fertig, in Kürze sollen eine medizinische Erstversorgung, eine Geburtenstation, eine zahnmedizinische und augenärztliche Versorgung anlaufen, referiert der Übersetzer.

Auffällig sind nicht nur die verschachtelten, schießschartenartigen Fenster mit Innenläden, sondern auch die Konstruktion des Blechdaches, das über einer durchlässigen Zwischendecke aus Holzstecken zu schweben scheint: Durch den Spalt zwischen Mauer und Dach kann die Luft zirkulieren – eine stromfreie Methode der Klimatechnik, die der burkinische Architekt Diébédo Francis Kéré auch in den Schulklassen mit verstellbaren Läden vor großen Fensteröffnungen einsetzt.

„Kunst wieder mitten im Leben anzusiedeln“, lautet das Prinzip, dem das Kunstprojekt und Vermächtnis Schlingensiefs folgt. Es sei „wie ein echtes Dorf“, erklärt Verwalter Motandi Ouoba. „Es geht in kleinen Schritten und alles geschieht in Kooperation mit der Bevölkerung aus der Umgebung.“ Bereits seit Oktober 2011 besuchen 150 Kinder die von Baubüro, Lager, Küche, Kantine auf der einen und Lehrerwohnungen und Sanitärtrakt auf der anderen Seite flankierten drei Schulklassen. „Es sind je 25 Buben und Mädchen pro Klasse“, präzisiert Ouoba.

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Während die Eltern teils am Bau arbeiten, bei dem der Architekt auch den lokalen Baustoff Lehm nutzt, wird im Unterricht ihrer Sprösslinge viel Wert auf „Kultur“ gelegt: „Sie haben Kurse in Musik, Theater, Tanz, Zeichnen und Film“, berichtet Ouoba vom jüngsten Projekt: „Die Kinder haben kleine Kameras bekommen, mit denen sie daheim filmen und zum Beispiel über das Wochenende den Aktivitäten der Mutter folgen. In der nächsten Woche wird das diskutiert.“

Damit wolle man aus Kindern „nicht zwangsweise Cineasten machen, sondern ihre Kreativität fördern“. Der Kulturschwerpunkt sei anfangs nicht leicht zu vermitteln gewesen, erinnert sich Ouoba. „Viele dachten, dass die Kinder halt ein Instrument lernen.“

Auf dem Bauprogramm für 2013 stehen noch die Erweiterung der Schule auf 300 Plätze samt Wohnmodulen für Lehrer sowie ein Spielplatz. Der Verwalter berichtet zudem von Platz für den Anbau und ein Imkerprojekt. In der dritten Phase des spendenfinanzierten Projekts soll schließlich das Festspielhaus als Herzstück des Dorfes entstehen.

Befragt nach Schlingensief, bedauert Ouoba, er habe „Monsieur Christoph“ nur einmal kurz in Ouagadougou getroffen. Er habe sich nicht gescheut, seine Meinung zu vertreten, auch wenn andere nicht einverstanden waren, formuliert er zurückhaltend. „Obwohl er eine kontroversielle Persönlichkeit war, hat er viel Positives gebracht. Hier spricht man jeden Tag von ihm.“


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